Singen als soziokulturelles Projekt

Das arabische Wort „alfarah“ bedeutet Freude. In Anlehnung daran hat die Gesangspädagogin Sarah Neumann im April 2016 in Marbach den interkulturellen alSarah-Chor gegründet. Hier können Einheimische zusammen mit Geflüchteten die Freude des gemeinsamen Singens teilen.

Ein Gespräch mit der Chorleiterin

Frau Neumann, seit zwei Jahren leiten Sie den alSarah-Chor. Was war damals der Auslöser für Ihr Engagement?

Im Jahr 2015 sind wesentlich mehr Menschen nach Deutschland geflohen als heute. In Marbach hat sich ein Helferkreis formiert, zu dem ich Kontakt hatte. Ich habe dann überlegt, wie ich mich einbringen kann. Ich wollte gern, dass es zu einem persönlichen Kontakt und Austausch zwischen den Menschen kommt. Als Gesangspädagogin war Musik für mich das passende Medium.

Sie haben dann einen interkulturellen Chor in Marbach gegründet. Was ist die Idee dahinter?

Ich beschreibe den alSarah Chor gerne als soziokulturelles Integrationsprojekt. In dem Chor treffen sich Einheimische und Geflüchtete regelmäßig, um gemeinsam ein Programm einzustudieren. Es gibt in der Regel sechs bis acht Termine pro Halbjahr, an denen wir im Gemeindesaal der katholischen Kirche proben können. Meist gibt es während der Projektphase auch öffentliche Auftritte. Der Chor setzt sich etwa zu zwei Dritteln aus Deutschen und zu einem Drittel aus Geflüchteten zusammen. Je nach Projekt sind es bis zu 35 Sänger*innen. Außerdem haben wir noch Mitwirkende, die den Chor mit Gitarren und Kongas begleiten.

Ich kann mir vorstellen, dass es bei so vielen Teilnehmern gar nicht einfach ist, sich auf ein gemeinsames Programm zu einigen. Wie sieht Ihr Repertoire aus?

Wir singen zum Beispiel internationale Popsongs wie „We are the world“ von Michael Jackson oder „Imagine“ von John Lennon, außerdem afrikanische Lieder und Lieder auf Farsi und arabisch. Wir haben aber auch deutsche Lieder im Programm. Diese Lieder wollen übrigens oft gar nicht die einheimischen Marbacher singen, sondern vor allem die Geflüchteten zeigen großes Interesse daran. Sie sind wirklich sehr neugierig auf die deutschen Lieder. Die Musik schafft bei uns letztlich den Rahmen, um sich kennenzulernen und sich auch auf einer persönlichen Ebene auszutauschen.

„Heimat neu denken“ – der alSarah-Chor bei einem seiner öffentlichen Auftritte. (Foto: privat)

Können Sie das etwas näher erklären?

Es kommen wenige Menschen auf die Idee, bei einem Flüchtlingsheim an die Tür zu klopfen und zu fragen, wie es den Leuten geht. Der Chor schafft eine unverkrampfte Atmosphäre, in der man sich begegnen kann. Man hat das gemeinsame Musikerlebnis und daraus entwickeln sich dann ganz natürlich Gespräche und Kontakte, die dann auch schnell über die Proben hinausgehen. Zum Beispiel helfen die deutschen Mitglieder den Geflüchteten beim Übersetzen von Briefen der Ämter, bei der Vermittlung von Fahrrädern oder anderen alltäglichen Themen. Gleichzeitig bekommen sie dadurch auch ein viel besseres Verständnis für die Probleme und Sorgen der Geflüchteten. Sie erhalten so auch ein genaueres Gespür dafür, was wir in Deutschland schätzen oder weniger gut finden. Ich habe den Eindruck, dass es gerade in einer eher kleinen Stadt wie Marbach manchmal stärkere Berührungsängste gibt, als das in Großstädten der Fall ist. Umso wichtiger ist es, dass beide Seiten sich kennenlernen können, um Verständnis füreinander zu entwickeln.

Gibt es Dinge, mit denen Sie im Vorfeld nicht gerechnet haben? Also Schwierigkeiten, die sich während der Probenarbeit ergeben haben?

Letztes Jahr war es sehr heiß während des Ramadans. Viele der Sänger*innen fasten in der Zeit und essen erst am Abend. Nun fielen unsere Probezeiten aber genau auf den Zeitpunkt, an dem die Familien normalerweise gemeinsam kochen. Das hatten wir bei der Planung der Termine gar nicht bedacht und waren dann natürlich überrascht, dass viele bei den Proben fehlten. Das machen wir dieses Jahr auf jeden Fall anders. Dies und anderes sind Dinge, für die man mit der Zeit sensibler wird, weil das jeweilige kulturelle Verständnis wächst.

Das Gespräch führte René Gröger.

Die Initiative

  • Der interkulturelle Chor alSarah besteht seit April 2016 im baden-württembergischen Marbach. In Projektphasen, die jeweils mehrere Monate dauern, singen Einheimische und Geflüchtete gemeinsam traditionelle Lieder aus verschiedenen Ländern sowie internationale Popsongs. Jede Projektphase wird mit öffentlichen Auftritten abgeschlossen. Zurückblicken kann der Chor inzwischen auf vier abgeschlossene Phasen, eine fünfte Periode beginnt im März 2018.

  • Unterstützt wird der Chor wird vom Asylkreis Marbach. Er finanziert sich durch Beiträge, welche die deutschen Chormitglieder für ihre Teilnahme am Projekt zahlen; ein Teil der finanziellen Mittel kommt darüber hinaus aus privaten Spenden.
  • Weitere Informationen zum Projekt finden Sie auf der Website des Chors sowie in unserer Datenbank.

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Stand des Beitrags: 14. Februar 2018