Banda Internationale: Heimatmusik neu interpretiert

Vorurteile abbauen, Verständigung fördern – dies ist das Ziel der Banda Internationale. Das Kollektiv mit Musikern aus Syrien, Palästina, Iran und dem Irak ist aus der Dresdner Blaskapelle Banda Comunale hervorgegangen als Reaktion auf die fremdenfeindlichen PEGIDA-Demonstrationen in der Elbestadt.

Auf der Bühne der Dresdner Groovestation stehen so viele Musiker, dass die Grenzen zwischen Interpreten und Publikum fließend ineinander übergehen. In der Mitte ist Akram Younus Ramadhan Al-Siraj in einem grauen Jackett, umringt von seinen zahlreichen Bandkollegen. Der Cellist sitzt leicht vorgebeugt hinter seinem Instrument und wippt im Takt der Musik. Sein mächtiger schwarzer Lockenschopf schwingt bei jeder Bewegung leicht mit. Seit über zwei Jahren spielt der junge Iraker in der Banda Internationale, einem inzwischen fast 20-köpfigen Kollektiv mit Musikern aus Syrien, Palästina, Iran und dem Irak. Das erklärte Ziel der Band ist es, Heimatmusik neu zu interpretieren, Vorurteile und Ressentiments abzubauen und zur Verständigung zwischen neuen und alteingesessenen Sachsen, Deutschen und Europäern beizutragen. Hervorgegangen ist das Projekt aus der Dresdner Blaskapelle Banda Comunale um den Klarinettisten Michal Tomaszewski: „Die PEGIDA-Demos in Dresden haben viele von uns schockiert. Wir haben dann beschlossen, uns lautstark dagegenzustellen“, erzählt der Klarinettist. Im Sommer 2015 suchte er neue Mitglieder für die Band und verteilte in Erstaufnahmeeinrichtungen Flugblätter.

Preisgekröntes Bandprojekt

Als vielköpfige Band ist die Banda Internationale unterwegs in ganz Deutschland. Die Musiker spielen zu ganz verschiedenen Gelegenheiten – bei Stadt- und Volksfesten, aber auch auf Festivals. (Foto: Maria Effenberger)

Für Akram ist es ein großes Glück, denn er musste sein Cello auf seiner Flucht verkaufen, um mit dem Erlös nach Europa zu gelangen. In seiner Heimat hatte er für das Jugendsinfonieorchester gespielt, hier verfügte er zunächst nicht einmal mehr über ein Instrument: „Für mich ist das Cellospielen wie Essen, Schlaf oder das Atmen – überlebenswichtig. Ich war so froh, als ich wieder Musik machen konnte!“, sagt der 23-Jährige. Michal Tomaszewski organisiert ihm ein Leihinstrument und kurz darauf folgen die ersten Auftritte in Sachsen, nur wenig später in ganz Deutschland. Sie spielen in Flüchtlingsunterkünften, bei Hochzeiten und Stadtfesten, aber auch auf Festivals und in Konzertsälen. Im Mai 2016 wird die Banda Internationale von Kulturstaatsministerin Monika Grütters mit dem neuen Sonderpreis für Projekte zur kulturellen Teilhabe geflüchteter Menschen ausgezeichnet.

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Einfach zusammen Musik machen: die Banda Internationale setzt auf Gemeinschaft im Tun und gegenseitige Inspiration für einen "Sound der Zukunft".

Anträge und Fördergelder

Solche Auszeichnungen helfen dabei, das Projekt bekannter zu machen und ein Schlaglicht auf die Vielfalt kultureller Initiativen mit Geflüchteten zu werfen. Gleichzeitig können die Projekte mit den Preisgeldern weiter finanziert und ausgebaut werden. „Am Anfang haben wir gar nicht über Fördergelder nachgedacht“, sagt Tomaszewski. „Nachdem die Band aber immer größer geworden ist, brauchten wir irgendwann Spenden, um das Ganze am Laufen zu halten.“ Schließlich bekommt die Banda Internationale Gelder von der Cellex Stiftung, über die weitere Fördermittel im Rahmen des Landesprogramms Integrative Maßnahmen in Sachen beantragt werden konnten. „Wir konnten den ehrenamtlichen Helfern dann offiziell Aufwandspauschalen auszahlen. Außerdem gab es dann Auftrittshonorare, wenn wir bei anderen Hilfsprojekten oder in Schulen gespielt haben.“

Projekte für die Zukunft

Der Förderzeitraum für die Banda Internationale ist mittlerweile ausgelaufen, und das Projekt geht eigenständig weiter. Im Sommer 2017 haben die Musiker sogar ein eigenes Album veröffentlicht. Nebenher bieten Musikpädagogen der Band Workshops an Schulen an, in denen mit Schülern über das Thema Integration diskutiert wird. Außerdem soll mit „The Kids are Alright“ ein neues Bandprojekt in Dresden entwickelt werden, das sich speziell an unbegleitete minderjährige Flüchtlinge richtet. Die Förderanträge wurden bereits gestellt, sagt Michal Tomaszewski. „Jetzt heißt es Daumen drücken und abwarten. Mit etwas Glück kann unser neues Projekt für zwei Jahre gefördert werden. Eine Stelle speziell für die Koordination der Ehrenamtlichen und Workshops haben wir schon.“

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Die Initiative

  • Die Kernformation der Band mit dem Namen „Banda Comunale“ aus professionellen Musikern und Amateuren bestand seit 2001. Nach Beteiligungen an Demonstrationen gegen PEGIDA in Dresden seit dem Winter 2014/15 engagierte sich die Band gezielt für eine musikalische Willkommenskultur und spielte u. a. zahlreiche Konzerte in Erstaufnahmeeinrichtungen. Im Sommer 2015 entstand die Idee eines längerfristigen Projekts mit geflüchteten Musikern.
  • In Kooperationen mit den Landesbühnen Sachsen, der Dresdner Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“, der Philharmonie Dresden, dem Staatsschauspiel Dresden und namhaften Musikern wie Sting, BAP, Jan Vogler und Konstantin Wecker sammelten die geflüchteten Musikerkollegen vielfältige Erfahrungen und etablierten sich als professionelle und gefragte Interpreten in ihrer neuen Heimat.
  • Seit einigen Monaten bieten die Musiker des Banda Internationale Kollektivs wöchentlichen Musikunterricht für unbegleitete jugendliche Geflüchtete an. Weitere Informationen zum Projekt "The Kids are Alright" finden Sie in unserer Datenbank.

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Autor: René Gröger
Stand des Beitrags: 16. November 2017