Kommunizieren mit Musik

Die Initiative „Bridges – Musik verbindet“ wurde 2016 gegründet, um geflüchtete und deutsche Profimusiker*innen miteinander in Kontakt zu bringen. Was zunächst als einmalige Aktion geplant war, hat sich mittlerweile fest etabliert. Neben regelmäßigen Jamsessions gibt es acht Ensembles, in denen die Teilnehmer*innen auf musikalischem Weg kommunizieren, unabhängig von ihren Deutschkenntnissen. 2017 haben diese Gruppen über 100 Konzerte gespielt.

Ein Gespräch mit der Projektleiterin Johanna Leonore Dahlhoff

Frau Dahlhoff, Sie leiten das Projekt „Bridges“ seit Mitte 2016. Welche Chance sehen sie darin?

Ich bin der Meinung, dass es ein wichtiges Projekt ist, weil es geflüchteten Profimusikern in Deutschland die Möglichkeit gibt, mit ihrem Beruf Fuß zu fassen. Wir haben einige Musiker, die es durch das Projekt schaffen, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten und die jetzt kurz davor sind, nicht mehr auf Sozialleistungen angewiesen zu sein. Außerdem können wir einem größeren Publikum zeigen, was für Talente die Menschen mitbringen und wie sie Deutschland bereichern können. Toll finde ich, dass das Projekt keine Sprachbarrieren hat, sondern Musiker sofort mitmachen können, auch wenn sie noch nicht deutsch sprechen.

Wie erreichen Sie diese Musiker? Bei deutschen Musikern ist das noch relativ einfach, weil die meisten über Vereine und Orchester gut vernetzt sind. Wie ist es aber bei Geflüchteten?

Das ist tatsächlich deutlich schwieriger gewesen, gerade am Anfang. Wir haben zunächst einen Flyer entworfen, verfasst in acht verschiedenen Sprachen. Diesen haben wir in gedruckter Form und per Email an alle verschickt, die in irgendeiner Form mit Geflüchteten zu tun haben, also zum Beispiel an Flüchtlingsunterkünfte oder Veranstalter von Deutschkursen. Der Hessische Rundfunk hat dann noch einen großen Anstoß gegeben, da wir dort ein Interview gegeben haben. Danach hat sich das Projekt unter den Musikern herumgesprochen. Die Hemmschwelle war aber anfangs bei vielen sehr groß. Die meisten, die zu uns gekommen sind, hatten einen persönlichen Kontakt zu jemandem, der sie mitgebracht hat. Mittlerweile kennen uns viele Einrichtungen schon und melden sich bei uns, wenn sie Musiker kennen, die bei uns mitmachen möchten.

Nun sprechen viele der Musiker nicht nur verschiedene Sprachen, sondern kommen auch aus Kulturräumen, in denen ganz unterschiedliche musikalische Sprachen üblich sind.

Die Schwierigkeit zeigt sich schon im schwammigen Begriff der „klassischen Musik“. In der ersten Probe haben viele Musiker gesagt, dass sie klassische Musik spielen. Die Europäer meinten damit meistens Mozart oder Beethoven. Die Afghanen oder Syrer meinten damit aber jeweils die klassische, traditionelle Musik aus ihren Ländern. Wir haben auch einige Musiker, die in Europa Jazz studiert haben. Sie haben ein ganz anderes Verständnis von Harmonien im Vergleich zu Musikern aus dem orientalischen Raum, bei denen es wiederum mehr auf die Rhythmen und Melodik ankommt als auf die harmonische Komplexität. Das sind zwei völlig unterschiedliche Herangehensweisen.

Wie lässt sich das zusammenbringen?

Es ist sehr wichtig, aufeinander zuzugehen und den Menschen Zeit zu geben, sich auf neue Dinge einzulassen. Besonders dann, wenn Geflüchtete hier gerade neu angekommen sind, gibt Musik ihnen viel Halt. Und da besinnt man sich vielleicht eher auf das, was einem vertraut ist, was man aus seiner Heimat kennt. Nun machen wir das Projekt aber schon seit zwei Jahren und wir merken, wie die Musiker immer mehr Lust bekommen, neue Dinge auszuprobieren und vielleicht sogar Musik zu spielen, die in ihrer Heimat verboten ist. Umgekehrt können sich nach zwei Jahren auch diejenigen, die ihre Musikausbildung in Deutschland erhalten haben, auf die orientalischen Herangehensweisen viel besser einlassen.

Video

"Der Tag fängt schon gut an, wenn ich weiß, dass ich ihn mit 'Bridges' verbringe." Ein Film über das Projekt, das Musiker vieler Nationalitäten zusammenbringt.

Gibt es auch Situationen, in denen es nicht gelingt, die verschiedenen Auffassungen zu verbinden?

Konflikte gibt es immer wieder. Am Anfang waren das aber oft interne Querelen zwischen Musikern aus derselben Sprachgruppe, die wir gar nicht mitbekommen haben, weil wir nicht Arabisch oder Farsi können. Teilweise sind das aber auch Konflikte zwischen ethnischen Gruppen. Wir haben immer sehr schnell interveniert, sobald wir das mitbekommen haben, und deutlich gemacht, dass wir hier in Deutschland sind und es keine Rolle spielt, wo die Leute herkommen.

Wie lassen sich diese Probleme vermeiden?

Verschiedene Auffassungen über die Musik und die Probenstruktur gibt es natürlich immer wieder unter allen Beteiligten. Je besser jedoch unsere geflüchteten Musiker inzwischen Deutsch können, desto besser können sie ihre Vorstellungen auch klar kommunizieren. Wir bemühen uns daher immer um die persönliche Beziehung und darum, dass wir ausreichend Raum für Besprechungen, Fragen und neue Ideen haben. Außerdem fordern wir immer wieder dazu auf, sich aktiv in den Prozess der Projektgestaltung einzubinden.

Gab es trotzdem Leute, die wegen offener Konflikte aus dem Projekt ausgestiegen sind?

Nein, so weit ist es nie gekommen. Wenn Leute abgesprungen sind, lag das meistens an der Belastung, die die Geflüchteten haben, und dass sie sich dann auf den Deutschkurs und die damit verbundenen Prüfungen konzentrieren wollten. Oder die deutschen Musiker waren beruflich anderweitig eingebunden. Einige von ihnen sind danach wieder zu uns gekommen oder spielen nur bei den größeren Konzerten mit. Bei ein paar Musikern ist es aber auch einfach so, dass das Spielniveau nicht hoch genug war, um in einem unserer Ensembles zu spielen.

Es können also wirklich nur professionelle Musiker mitmachen. Können sie auch Geld mit den Auftritten verdienen?

Die Musiker proben ehrenamtlich, aber für ihre Auftritte bekommen sie von den Veranstaltern Geld. Oft erklären unsere Kulturmanagerin Anke Meyer und ich den Veranstaltern auch, weshalb das wichtig ist. Die Honorare für freiberufliche Musiker sind sowieso häufig sehr gering. Ich möchte nicht, dass die Gagen durch unser Projekt noch weiter gedrückt werden. Darum sind ehrenamtliche Auftritte unserer Ensembles wirklich die Ausnahme. Es sind immerhin Profimusiker und sie verdienen eine entsprechende Bezahlung. Und: Die geflüchteten Musiker sollen ja nicht gegen die freiberuflichen deutschen Musiker ausgespielt werden und umgekehrt.

Das Gespräch führte René Gröger.
Stand des Beitrags: 14. Dezember 2017