Musik und Integration

Wie keine andere künstlerische Ausdrucksform bietet die Musik die Möglichkeit, mit anderen in einen unmittelbaren Kontakt zu treten. Sie hat die Kraft, Menschen auch über kulturelle Barrieren hinweg mit all ihren Sinnen und Emotionen anzusprechen. In dieser Offenheit kann Musik Offenheit befördern. Daneben kann sie auch den Erwerb deutscher Sprachkenntnisse unterstützen – eine Schlüsselqualifikation und wesentliche Voraussetzung für die umfassende Teilhabe an der Gesellschaft.

Einführung

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts leben hier derzeit über 18 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, also Menschen, die nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen oder von mindestens einem Elternteil mit anderer Staatsangehörigkeit abstammen.1 Die in jüngerer Zeit massiv gestiegene Zahl geflüchteter Menschen in Deutschland hat besonders deutlich vor Augen geführt, dass die Zusammensetzung unserer Gesellschaft stetigen Wandlungsprozessen unterliegt. Asyl beantragten nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge im Jahr 2016 über 740.000 Menschen.2 Ein großer Teil von ihnen wird dauerhaft hier bleiben.

Die Aufnahme und Integration der neuen Mitglieder in die Gesellschaft stellt die Bevölkerung vor eine der größten Herausforderungen der letzten Jahrzehnte. Darüber, dass Integration ebenso wenig in der Unterwerfung unter eine wie auch immer ausgelegte „Leitkultur“ wie in der Etablierung so genannter Parallelgesellschaften bestehen kann, herrscht weitgehend Einigkeit. Von offizieller Seite des kulturellen wie politischen Lebens wurde dies erst kürzlich durch die Initiative kulturelle Integration in ihren 15 Thesen zum „Zusammenhalt in Vielfalt“ untermauert, ebenso durch den Deutschen Musikrat mit seiner Resolution „Willkommen in Deutschland: Musik macht Heimat! Von der Willkommens- zur Integrationskultur“. Am Ende aller Integrationsbemühungen steht das Ziel, allen Bevölkerungsschichten, unabhängig von geografischer, kultureller oder sozialer Herkunft und bei aller Vielfalt unterschiedlicher Lebensentwürfe und Lebenshintergründe, die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben zu ermöglichen. Dem zugrunde liegt ein wechselseitiger Verständigungsprozess, das Aufeinander-Zugehen von Zuwanderern und Aufnahmegesellschaft sowie ein Dialog, der Offenheit, Respekt und Toleranz auf allen Seiten erfordert. Mögliche Vorbehalte und Ängste vor dem Fremden in Neugier auf das Andere, das Unbekannte zu verwandeln, aber in der Begegnung unterschiedlicher Kulturen auch Trennendes zu erkennen, ist dabei eine der Herausforderungen.

Engagement im Musikbereich

Als sozialpolitische Aufgabe ist Integrationsarbeit aus Sicht der Aufnahmegesellschaft nicht allein von der Politik oder von staatlichen Institutionen zu bewältigen. Sie erfordert auch ein breit aufgestelltes Engagement der Zivilgesellschaft, das vom Staat anerkennend gefördert wird. Wie groß die Bereitschaft hierzu in der deutschen Bevölkerung ist, zeigt eindrucksvoll die Vielzahl an Projekten, mit denen Menschen mitten aus der Gesellschaft besonders seit dem Herbst 2015 die vielen Geflüchteten unterstützt haben. Unter den Akteuren des kulturellen Lebens engagieren sich auch zahlreiche Musikschaffende und -institutionen – darunter Musikschulen, Orchester und Konzerthäuser –, die sich die Möglichkeiten ihrer Kunst als Medium offener Kommunikation bewusst zu Nutze machen: Wie keine andere künstlerische Ausdrucksform bietet die Musik die Möglichkeit, mit anderen in einen unmittelbaren Kontakt zu treten. Sie hat die Kraft, Menschen auch über kulturelle Barrieren hinweg mit all ihren Sinnen und Emotionen anzusprechen. In dieser Offenheit kann Musik Offenheit befördern. Daneben kann sie auch den Erwerb deutscher Sprachkenntnisse unterstützen – eine Schlüsselqualifikation und wesentliche Voraussetzung für die umfassende Teilhabe an der Gesellschaft.

Vor diesem Hintergrund haben Akteure des Musikbereichs unter Einsatz von Zeit und Energie – und oft ohne finanziellen oder organisatorischen Rückhalt – ein in seiner Fülle beeindruckendes Angebot an musikbezogenen Projekten, Initiativen und Veranstaltungen ins Leben gerufen, die sich sowohl an Geflüchtete als auch an in Deutschland lebende Menschen mit und ohne Migrationshintergrund richten. Die Breite des Spektrums reicht von kostenlosem Musikunterricht über gemeinsame Sing- und Musizierprojekte, musiktherapeutische Angebote und Begegnungsveranstaltungen bis hin zur Erarbeitung gemeinsamer Konzertprogramme. Dabei ist die seit Herbst 2015 zunächst allenthalben zu spürende Energie der „Willkommenskultur“ inzwischen weitgehend den Anforderungen der Normalität gewichen. Erfolgreiche Integrationsprojekte nutzen insbesondere die Möglichkeiten, kulturelle Bezüge zwischen unterschiedlichsten musikalischen Traditionen und Ausdrucksformen herzustellen. Damit können sie allen in der Integrationsarbeit Engagierten als Beispiel dienen.

Neue Informations- und Austauschplattform

Die Erkenntnis, Integration als dauerhafte und nachhaltige Aufgabe zu sehen, hat auch im Musikbereich dazu geführt, das damit verbundene Engagement professionell zu begleiten. Dies äußert sich in einer Zunahme an Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen, die sich an beruflich eingebundene Musikpädagoginnen und -pädagogen ebenso wenden wie an ehrenamtlich Tätige. Durch die Einrichtung zentraler Stellen eröffnen sich den Engagierten zahlreiche Hilfsmöglichkeiten bei der Koordinierung und Finanzierung musikbezogener Integrationsprojekte durch die öffentliche Hand sowie private Förderer. Wenn dies auch nach wie vor in vielen Belangen verschiedensten Einschränkungen unterliegt, sind die Chancen, wirklich etwas bewirken und Integration vorantreiben zu können, größer denn je. Vor allem bietet sich eine zur erfolgreichen Durchführung von Projekten unverzichtbare Grundvoraussetzung, nämlich die Möglichkeit der Vernetzung und des Austauschs.

Zur Unterstützung dieses vielgestaltigen Engagements baut das Deutsche Musikinformationszentrum (MIZ) mit finanzieller Unterstützung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) die Informations- und Austauschplattform „Musik und Integration“ auf. Sie ist als bundesweites Angebot konzipiert, das Informationen zu diesem Themenkomplex bündelt und aufbereitet. Dargestellt werden musikbezogene Projekte und Initiativen sowie Workshops, Kongresse, Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen, zu deren Zielen oder thematischen Schwerpunkten einerseits die Integration geflüchteter und asylsuchender, d.h. in Deutschland zunächst fremder Menschen, andererseits der Austausch mit in Deutschland lebenden Migrantinnen und Migranten und das Kennenlernen der musikalischen Traditionen ihrer Herkunftsländer gehören. Das Portal will Menschen, die Integration mit musikbezogenen Projekten und Initiativen mitgestalten, eine Hilfestellung sowie Hilfe zur Selbsthilfe geben. Es macht es künftig möglich, miteinander in einen intensiven Austausch über Erfahrungen zu treten, die im Rahmen erfolgreicher, aber auch möglicherweise weniger erfolgreicher Projekte gesammelt wurden. Ort dieses Austauschs wird ein Forum sein, das Interessierten und Projektanbietern gleichermaßen offensteht und als zentraler Bereich des neuen Angebots bei der Weiterentwicklung ihrer bisher geleisteten Arbeit helfen soll. Durch den Austausch werden neue Ideen geboren, durch die Vernetzung entstehen Kooperationen. So werden Synergien freigesetzt, die den Projekten zugutekommen – und damit auch der Gesellschaft.

Mit der Projektdatenbank „Musik und Integration“ ist der erste Meilenstein des neuen Portals online. In einem zweiten Schritt wird das Portal bis zum Frühjahr 2018 um ein Forum und eine Vielzahl thematisch-begleitender Informationen, darunter praxisnahe Fachbeiträge sowie Arbeitshilfen, erweitert und laufend um Informationen aus der Praxis ergänzt.

Redaktion Deutsches Musikinformationszentrum

Stand des Beitrags: 28.08.2017