Einführung

Kulturelle Integration ist Herausforderung und Chance. Die Vielzahl musikalischer Projekte und Initiativen, die sich bis heute etabliert hat, zeigt den Stellenwert, der Musik in unserem Zusammenleben zukommt. Eine Einführung.

Von Christian Höppner

In einer Zeit zunehmender Konflikte weltweit, in der sich nach Angaben der Vereinten Nationen über 65 Millionen Menschen auf der Flucht befinden, steht die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland als Fundament für gesellschaftlichen Zusammenhalt vor ihrer bisher größten Bewährungsprobe: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Die Wahrung der Menschenrechte, Meinungsfreiheit, die Gleichstellung von Mann und Frau, Kunstfreiheit und Pressefreiheit sind einige jener Grundrechte, die für alle Menschen in Deutschland gelten.

Gesellschaften werden heute auf der ganzen Welt von den krisenbedingten Wanderungsbewegungen ebenso geprägt wie von der zunehmenden Ökonomisierung nahezu aller Lebensbereiche und den Veränderungen im digitalen Zeitalter. Die Kluft zwischen den Etablierten und den Abgehängten, zwischen arm und reich, zwischen Stadt und Land wird größer.

Menschen, die vor Krieg und Verfolgung nach Deutschland fliehen, bringen ein Stück Heimat mit: ihre Herkunftskultur. Dies ist eine Chance für die kulturelle Vielfalt in unserem Land und im Erkennen des je Eigenen und des Fremden eine Chance für den transkulturellen Dialog. Es ist allerdings eine Chance, die in der öffentlichen Wahrnehmung verblasst, wenn der gesellschaftliche Diskurs in der Wahrnehmung von Nachteilen und Defiziten verharrt.

Deutschland 2018: Kultur im gesellschaftlichen Zusammenhalt

Seien es Menschen, die in Deutschland Zuflucht suchen, seien es Bürger*innen, die sich abgehängt sehen: Fühlen sich Menschen in Deutschland nicht heimisch, gefährdet dies den gesellschaftlichen Zusammenhalt. „Verstehen und verstanden werden“ sind Kernelemente gesellschaftlichen Zusammenlebens. Eine Eingangspforte hierfür bildet Kultur, sofern man sie so breit definiert wie die UNESCO in ihrer Erklärung von Mexico-City 1982. 23 Jahre danach baute die UNESCO auf diesem Begriff mit ihrer Konvention zur kulturellen Vielfalt auf, einem Dokument mit beispiellosem Erfolg, das seit 2005 von über 140 Mitgliedsstaaten, darunter auch vom Deutschen Bundestag und der Europäischen Union als Staatengemeinschaft, ratifiziert worden ist. Die Konvention ist Berufungsgrundlage und Handlungsinstrument gestaltender Kulturpolitik als Teil von Gesellschaftspolitik.

Der Frage, welchen Beitrag Kultur insbesondere bei der Integration von Zuwanderern leisten kann, geht die „Initiative Kulturelle Integration“ seit 2016 gezielt nach. Das breite Bündnis aus Institutionen von Zivilgesellschaft und Staat engagiert sich, einer Idee des Deutschen Kulturrats folgend, auf der Grundlage seiner 15 Thesen für „Zusammenhalt in Vielfalt“. Dabei bilden die 15 Thesen nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner eines breiten gesellschaftlichen Kraftfeldes ab, sondern sie sind zur Initialzündung für einen intensiven gesellschaftlichen Diskurs geworden. Da der Diskurs bisweilen zu sehr von denen bestimmt wird, die nicht für eine offene Gesellschaft stehen, vermittelt „Zusammenhalt in Vielfalt“ eine starke Botschaft gerade in unserer Zeit der auseinanderdriftenden Gesellschaften. Die Verheißung monokultureller Enklaven führt letztlich in die Kommunikationsverweigerung, indem kulturelle Vielfalt als Bedrohung wahrgenommen wird. Jedoch beschreibt kulturelle Vielfalt in unserem Land nicht nur ein Stück Lebenswirklichkeit, sondern auch einen besonderen Reichtum, der in der Begegnung von Kulturen entsteht.

Dieser Vielfaltsbegriff wird indessen in der öffentlichen Diskussion und medialen Wahrnehmung zumeist auf die dritte Säule der „UNESCO-Konvention kulturelle Vielfalt“ verengt: den Schutz und die Förderung anderer Herkunftskulturen in den jeweiligen Vertragsstaaten, also den sogenannten inter- bzw. transkulturellen Bereich. Der Schutz und die Förderung des kulturellen Erbes und der zeitgenössischen künstlerischen Ausdrucksformen gehören aber ebenfalls dazu. Daher werben der Deutsche Kulturrat und der Deutsche Musikrat auf der Grundlage dieser Konvention für den folgenden Vielfaltsbegriff:

  • Kulturelle Vielfalt umfasst das kulturelle Erbe, die zeitgenössischen künstlerischen Ausdrucksformen einschließlich der Jugendkulturen und andere Herkunftskulturen.
  • Kulturelle Vielfalt steht für die Summe kultureller Identitäten und ihrer Beziehungen zueinander und beschreibt einen Prozess in der Entwicklung unterschiedlicher kultureller Ausdrucksformen.
  • Kulturelle Vielfalt setzt kulturelle Teilhabe voraus.


Bewusstsein zu schaffen für den Wert kultureller Vielfalt und ihre Bedeutung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, ist eine Herausforderung, der wir uns alle deutlicher stellen müssen. Denn die Begegnung der Kulturen findet seit jeher ungeachtet nationaler Grenzen statt – ganz gemäß dem Konzept der Transkulturalität, wie es Wolfgang Welsch 1997 beschrieben hat.  

Daher ist Kulturpolitik letztlich Gesellschaftspolitik, und so wird sie auch im Koalitionsvertrag der kommenden Bundesregierung, insbesondere bei der Beauftragten für Kultur und Medien und der Auswärtigen Bildungs- und Kulturpolitik des Auswärtigen Amts, verstanden. Schon seit Langem bildet überdies der historisch gewachsene föderale Geist in Deutschland das Fundament für eine beispiellose Dichte kultureller Vielfalt. Die Begegnung mit anderen Kulturen eröffnet Chancen in der differenzierten Wahrnehmung von Lebenswelten. So ist der kulturelle Reichtum, der sich aus dem kulturellen Erbe, den zeitgenössischen kulturellen Ausdrucksformen und den transkulturellen Begegnungen mit anderen Herkunftskulturen speist, eine Chance für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland. Erst die Balance dieser drei Grundsäulen bildet kulturelle Vielfalt ab. Neugierde zu wecken auf Unbekanntes, Gemeinsamkeiten zu entdecken und Unterschiede auszuhalten, sind zentrale Herausforderungen gesellschaftlichen Zusammenlebens. Die Musik kann hier Besonderes beitragen. Sie ist eine der Künste, die den Menschen mit allen Sinnen erreichen kann. Sie kann Brücken bauen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunftskulturen und die Suche nach der jeweils eigenen Identität befördern.

Deutschland 2018: Musik – ein Baustein für Integration

Brücken bauen mit Musik: Die Initiative "Bridges" aus Frankfurt am Main vermittelt geflüchtete professionelle Musiker an Kollegen und sorgt für interkulturell neue Initiativen. (Foto: Eliane Hobbing)

Zahlreiche Initiativen und Projekte haben diese Kraft der Musik in jüngerer Zeit genutzt, um Menschen zu helfen, die vor Krieg und Verfolgung nach Deutschland geflüchtet sind. Über den Zeitraum von einem Jahr führte der Deutsche Musikrat ab 2015 unter seinen Mitgliedsverbänden eine Umfrage zum Thema „Geflüchtete im Musikland Deutschland" durch. Ziel der Umfrage war es, Informationen zu den vielfältigen Initiativen für Geflüchtete in Deutschland auf Kommunal- und Länderebene zu sammeln und diese in Politik und Medien zu vermitteln.  Parallel dazu stellte das Deutsche Musikinformationszentrum des Deutschen Musikrats (MIZ) auf seinem Internetportal die Vielfalt an Projekten und Initiativen vor. Den Impuls dafür gaben die Mitglieder des Deutschen Musikrats, die im Rahmen ihrer Mitgliederversammlung die Resolution „Willkommen in Deutschland: Musik macht Heimat! Von der Willkommens- zur Integrationskultur" verabschiedet hatten.

Der Deutsche Musikrat engagiert sich verstärkt seit 2005 für den Schutz und die Förderung der kulturellen Vielfalt und des transkulturellen Dialogs. Als erster Dachverband aus dem Kulturleben griff er das Thema 2005 mit seinem Kongress „Musikland Deutschland – wie viel kulturellen Dialog wollen wir?" und seinem 2. Berliner Appell, der von der Mitgliederversammlung einstimmig verabschiedet und 2006 dem Bundespräsidenten übergeben wurde, auf. Bewusstsein zu schaffen für den Wert der Kreativität auf der Grundlage kultureller Vielfalt, für das Individuum wie für unsere Gesellschaft, zieht sich seither wie ein roter Faden durch die weiteren Berliner Appelle und Resolutionen, das Grundsatzprogramm und das Grünbuch sowie die Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Musikrats.

Viele seiner Mitglieder, insbesondere aus dem Bereich des Amateurmusizierens, haben sich seither für diesen Markenkern der musikpolitischen Arbeit des Deutschen Musikrats mit eigenen Vorhaben engagiert. Auch in seinen eigenen Projekten und Einrichtungen nutzt der Deutsche Musikrat die Möglichkeit, seine musikpolitischen Botschaften über das Wort hinaus zu vermitteln – eine Chance, über die kein anderer zivilgesellschaftlicher Dachverband verfügt.

Mit seinem neuen Informations- und Austauschportal zu musikalischen Integrationsprojekten schafft das Deutsche Musikinformationszentrum eine neue Qualität in der Vermittlung von Information und Dialog, die in seiner Konzeption und inhaltlichen Tiefe – auch im europäischen Vergleich – beispiellos ist. Unterschiedliche Recherchefunktionen, die interaktive Karte und das Forum ebenso wie die Journal- und Fachbeiträge und eine Vielzahl von Dokumenten und Praxishilfen sind hier eingebunden. So werden auf verschiedenen Ebenen Zusammenhänge dargestellt und Austausch ermöglicht. Das MIZ reagiert mit der Plattform auf die Herausforderungen unserer Zeit, bildet Entwicklungen ab und gibt Akteuren wie Interessierten ein vielseitig nutzbares Angebot an die Hand.

Über den Autor

Prof. Christian Höppner ist Generalsekretär des Deutschen Musikrats und Präsident des Deutschen Kulturrats, den er auch in der Deutschen UNESCO-Kommission vertritt.

Stand des Beitrags: 26. Februar 2018