Erste Hilfe: Musik

Als Zein alabddin Mohieddin 2015 nach München kam, stand er buchstäblich vor dem Nichts. Der 18-jährige Syrer war mit seiner Mutter, dem kleinen Bruder und einem Koffer Habseligkeiten nach Deutschland geflohen. In der Flüchtlingsunterkunft durfte er zunächst keine Schule besuchen. Hier hatte er viel zu viel Zeit, um sich an die Schrecken zu erinnern, die ihm vor seiner Flucht in Aleppo widerfahren sind. Eine musikalische Privatinitiative gab ihm neue Impulse und half ihm, seine Motivation wiederzufinden.

Ein Innenhof eines Münchner Mehrfamilienhauses, umrahmt von Bäumen: Lässig in blauem Jeanshemd und Shorts sitzt Zein auf einer Holzbank. Auf dem Schoß hält er eine Konzertgitarre. Wenn das Wetter es erlaubt, kommt er gern zum Üben hierher. Im Innenhof des Wohnhauses ist er ungestört und geht seinem kleinen Bruder nicht auf die Nerven, mit dem er sich ein Zimmer teilt. Immer wieder blickt er von den Saiten seines Instruments auf die Notenblätter vor sich, um zu prüfen, ob seine Finger auch die richtigen Saiten zupfen. Bei jedem falschen Ton verzieht er leicht das Gesicht und grinst verlegen: „Ich versuche jeden Tag zu üben. Aber ich merke, ich muss wieder mehr machen. Ich darf nicht faul werden.“

Der 18-Jährige stammt aus Syrien. Bis vor vier Jahren wohnte er mit seiner Familie noch in Aleppo, seiner Heimatstadt. Dort ging er zur Schule, hatte gerade sein Abschlusszeugnis bekommen. Zein wollte Informatik studieren. Dann begann der Bürgerkrieg, der sein normales Leben völlig zerstörte: „Man kann sich nicht vorstellen, wie das ist. Kaum jemand hier hat das erlebt. Wenn man täglich aufwacht, zu den Stimmen von Raketen und Waffen. Das ist ein Albtraum“, erinnert sich Zein an die letzten Monate in Aleppo.

Zeins Mutter lieh sich schließlich bei Verwandten Geld für die Flucht nach Europa. Über die Türkei und den Balkan gelangte die Familie Ende 2015 nach München, wo sie in der großen Flüchtlingsunterkunft in der Klausenburgerstraße untergebracht werden. Zu diesem Zeitpunkt geht es ihm sehr schlecht: Die Flucht hat ihm zugesetzt. In der Unterkunft sind die Helfer heillos überfordert und können sich kaum um die Geflüchteten kümmern. Zein fühlt sich allein gelassen: „Ich war den ganzen Tag nur im Zimmer. Ich hatte nichts zu tun. Dabei wollte ich ja vieles machen, aber ich konnte nicht. Ich war ohne Ziel“, sagt der 18-Jährige. Während sein jüngerer Bruder zur Schule gehen und Deutsch lernen darf, muss er in der Unterkunft bleiben. Eine schwierige Situation für Zein.

Eine Gitarre als Motivationshilfe

Zein beim Üben im Innenhof seines Wohnhauses – hier kann der 18-Jährige ungestört spielen.
(Foto: René Gröger)

Nach kurzer Zeit erfährt er jedoch, dass in der Unterkunft kostenloser Gitarrenunterricht angeboten wird. Die Ärztin Beatrix Jakubicka-Frühwald ist seit Jahren ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe aktiv und hat neben kostenlosen Instrumenten auch befreundete Musiker gefunden, die sie bei ihrer Privatinitiative unterstützen. Einer von ihnen ist der ausgebildete Bassist Andrej Spisiak, der sich bereit erklärt, mehrere Geflüchtete ehrenamtlich auf der Gitarre zu unterrichten. Für Zein, der davor noch nie eine Gitarre in der Hand gehalten hat, ist es eine große Chance: „Als ich mit dem Gitarrenunterricht angefangen habe, hatte ich plötzlich etwas zu tun, was ich jeden Tag machen wollte“, beschreibt der junge Syrer die Situation. „Ich habe jeden Tag geübt, um besser und besser zu werden. Die Gitarre hat mir sehr geholfen. Sie hat mich motiviert weiterzumachen.“ Der Musikunterricht, zu dem er manchmal sogar mehrmals die Woche gehen darf, gibt seinem Leben in der Unterkunft eine Struktur. Schnell wird er zu einem von Andrej Spisiaks besten Schülern.

Mittlerweile ist wieder etwas Normalität in Zeins Leben eingekehrt. Vor einem Jahr ist er mit seiner Familie in eine eigene Wohnung gezogen. Außerdem darf er seit diesem Schuljahr endlich eine weiterführende Schule besuchen. Trotzdem übt er in seiner Freizeit noch so oft es geht auf der Gitarre und fiebert dem Unterricht entgegen.

Die ersten kleinen Konzerte hat der junge Syrer bereits gemeinsam mit anderen Schülern gegeben. Gerade am Anfang kostete ihn das jedoch große Überwindung, erinnert sich der 18-Jährige lächelnd: „Ich hatte viel Angst, dass ich nicht die richtigen Noten spiele. Aber dann hat alles geklappt, und ich habe gut gespielt. Als die Leute für mich geklatscht haben, war das ein Moment, den ich nie vergessen werde.“ Die Auftritte stärken das Selbstbewusstsein des 18-Jährigen. Gleichzeitig lernt er durch das Gitarrenspiel, fokussiert auf ein Ziel hinzuarbeiten. Die Disziplin hilft ihm auch in der Schule. Bald möchte er seinen Realschulabschluss machen. Seinen Traum vom Informatik-Studium hat er sich trotz des Kriegs in seiner Heimat bewahrt. „Wenn ich mit dem Studium fertig bin, werde ich nach Syrien zurückkehren und dort arbeiten. Wenn es möglich ist.“

Autor: René Gröger
Stand des Beitrags: 24. Januar 2018