Flüchtlingsprojekte in der Musiktherapie

Unter den zahlreichen nach Deutschland Geflüchteten gibt es viele traumatisierte, unter psychischen Problemen leidende Menschen. Ihre seelischen Zustände können Musiktherapeuten positiv beeinflussen. Denn in einer fremdartigen Umgebung kann Musik ein Stück Heimat sein und Grenzen überwinden. Doch Sprachbarrieren, ungesicherte Verhältnisse und überfüllte Unterkünfte machen klinische Behandlung für Musiktherapeuten kaum möglich. Eher kommt es zu sozialen Projekten zwischen Therapie, Pädagogik und künstlerischen Verfahren.

Im kühlenden Schatten an der stillen Rückseite einer Ansammlung von Wohncontainern der Art, wie sie in Eile als Unterkünfte für viele Tausende in Hamburg ankommende Flüchtlinge errichtet worden sind, lehnt ein Mann. Im Arm hält er ein lautenähnliches Instrument, dessen gezupfte Töne gegen den Lärm der naheliegenden Autobahn kaum weiter zu hören sind als bis zu seinem Freund, der regungslos auf einem Stromkasten sitzt und der Musik lauscht. Was er dabei fühlt, wissen wir nicht. Dieses Bild, flüchtig aufgefangen auf einer meiner alltäglichen Fahrradstrecken, begleitet mich in diese Ausführungen zu musiktherapeutischer Arbeit mit geflüchteten Menschen. Abseits von Therapie, abseits von wohlmeinenden Hilfsangeboten, ja selbst abseits der heterogenen Gemeinschaft Geflüchteter im Containerdorf entfaltet sich möglicherweise in dieser schattigen Nische etwas wesentlich Unterstützendes und Transformierendes in, mit und durch Musik. Neben Zerstreuung und Zeitvertreib erklingt hier das Eigene in der Fremde, ertönt ein Stück Heimat und kulturelle Identität, geteilt mit einem Freund.

Musiktherapie im klinischen Kontext

Die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft definiert Musiktherapie als den gezielten Einsatz von Musik im Rahmen der therapeutischen Beziehung zur Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung seelischer, körperlicher und geistiger Gesundheit. Was sich hier im Beispiel als Bestandteil alltäglichen Lebensvollzugs entfaltet und den beiden Männern möglicherweise eine Hilfe im Umgang mit ihrer Situation als Geflüchtete ist, geschieht in der Musiktherapie auf professioneller Basis: als gekonnte und reflektierte Verwendung von Musik in all ihren Ausdrucks- und Rezeptionsformen durch eine qualifizierte therapeutische Fachkraft, in der Regel vor dem Hintergrund eines psychotherapeutischen Behandlungsverständnisses.

Viele geflüchtete Menschen erreichen die europäischen Länder traumatisiert und entwickeln infolgedessen psychische Probleme. In klinischen Kontexten ist die Musiktherapie an der multiprofessionellen Behandlung von Traumafolgeerscheinungen beteiligt. Sie ist in vielen Psychiatrien und einigen ambulanten Behandlungszentren (z. B. Children for Tomorrow im Hamburger Universitätsklinikum oder Zentrum Überleben in Berlin) fester Bestandteil des Behandlungsplans. Als künstlerisches Verfahren bietet sie dort, wo sprachliche Verständigung beeinträchtigt ist, eine wichtige Ergänzung zu ärztlicher und psychologischer Betreuung.

Projekte statt Behandlung

Die Behandlung von Traumatisierungsfolgen wie Posttraumatischen Belastungsstörungen bedarf eines sicheren therapeutischen Rahmens. Doch diesen bieten die meisten Orte, an denen Musiktherapeuten mit Geflüchteten arbeiten, nicht. Erstaufnahmezentren und Folgeunterkünfte dienen der bestmöglichen Unterbringung für kurze oder längere Zeit, nicht der Behandlung schwerer psychischer Probleme. Unsicherer Aufenthaltsstatus, häufige Verlegungen, mangelndes psychologisches Personal und kaum zumutbare Wohnverhältnisse, z. B. gemeinsam mit 500 weiteren Geflüchteten in der Halle eines ehemaligen Baumarkts, führen dazu, dass für viele Menschen die Flucht noch nicht zu Ende ist, wenn sie in Deutschland ankommen. Das hat Folgen für die Konzeption und Praxis musiktherapeutischer Angebote: Sie müssen dem Vorläufigen der Situation und unsicheren Rahmenbedingungen Rechnung tragen.

Auch deshalb bezeichnen vielleicht viele musiktherapeutisch Tätige ihre Arbeit in der Flüchtlingshilfe als „Projekte“, seltener als „Behandlung“, und siedeln sie im Überschneidungsbereich zwischen Therapie, künstlerischem Angebot und Pädagogik an. Die auf das Individuum bezogenen Zielsetzungen der Musiktherapie (psychische Stabilisierung, Beziehungskompetenz, Selbstwirksamkeit etc.) werden durch soziale Ziele wie Gemeinschaftsförderung, interkulturelles Lernen und Überwindung von Sprachbarrieren ergänzt. Darüber hinaus orientieren sich einige der Projekte am künstlerischen Medium selbst und stellen die Musik ins Zentrum der Arbeit.

Vernetzung und Reflexion auf unsicherem Gebiet

Die (musiktherapeutische) Begleitung Geflüchteter ist ein Feld mit hohem Handlungsbedarf, das derzeit kaum geeignete Rahmenbedingungen bietet. Es braucht  Flexibilität, Mut und Fehlertoleranz, um sich in einen Prozess mit im mehrfachen Sinne „vielen Unbekannten“ einzulassen. Glücklicherweise gibt es musiktherapeutische Projekte mit Geflüchteten nicht erst seit gestern, und qualifizierte Musiktherapeuten bringen ein spezifisches Know-how in ihre Arbeit mit, das ihnen hilft, in ungewissen Situationen zu bestehen: Sie sind Fachleute der Improvisation, dem musikalischen Umgang mit dem Unvorhersehbaren; sie betrachten Reflexionsräume wie Supervision als wichtigen Bestandteil ihrer Arbeit; sie verfügen über eine Sensibilität für Traumasymptome und -dynamiken; sie wissen um die Grenzen ihrer Wirksamkeit und Zuständigkeit. Auch wenn sie ihr Angebot häufig nicht im klinischen Sinne als therapeutisch bezeichnen: Das Therapeutische bleibt auch in nicht-klinischen Kontexten als Haltung und beruflicher Hintergrund erhalten.

Sich im gemeinsamen Menschsein begegnen

Eine Einmischung in die anfangs beschriebene Szene wäre nicht notwendig gewesen. Die beiden Männer schienen, akustisch abgeschirmt durch den Lärm rasender Autos, in ihrer Musik ganz bei sich zu sein und keiner Hilfe zu bedürfen. Und tatsächlich erscheint es in einem Feld mit bisweilen aktionistischer Dynamik wichtig, gut darüber nachzudenken, wo Hilfe konstruktiv, kultursensibel und ethisch reflektiert ansetzen kann. In musiktherapeutischen Projekten und vor dem Hintergrund der spezifischen Kompetenzen und Haltungen qualifizierter Musiktherapeuten sind allerdings viele Möglichkeiten der individuell unterstützenden und sozial wirksamen Praxis zu erkennen. Dabei scheint ein zweiseitiger Wesenszug der Musik die zentrale Rolle zu spielen: Einerseits ihr starker Subjektbezug, mittels dessen wir uns beim Hören und Spielen „unserer“ Musik tief und innig in der eigenen Person und Lebensgeschichte verankern können. Andererseits ihr universeller Aspekt, der Musik das Potential verleiht, Menschen über zeitliche, kulturelle und biografische Grenzen hinweg miteinander zu verbinden. Aufgrund dieser „Doppelnatur“ kann Musik ihren Beitrag dazu leisten, dass in einer sich wandelnden Gesellschaft, bei feinem Gespür für individuelle Unterschiede und Dissonanzen, Begegnungen im gemeinsamen Menschsein immer besser möglich werden.

Über den Autor

Prof. Dr. sc. mus. Jan Sonntag ist Diplom-Musiktherapeut (FH/DMtG) und Heilpraktiker für Psychotherapie. Im Rahmen seiner Teilzeitprofessur an der MSH Medical School Hamburg entwickelt und koordiniert er künstlerische Projekte in der Flüchtlingshilfe.

Der Beitrag erschien unter dem Titel „Flüchtlingsprojekte in der Musiktherapie“ in der Zeitschrift Musikforum 02/2017 und wurde für das Portal „Musik und Integration“ leicht gekürzt. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der SCHOTT MUSIC GmbH/Musikforum 02.2017.

Stand des Beitrags: 06. Dezember 2017