From East to West – Konzerte mit Musik aus aller Welt

Seit der Saison 2019/20 hat die Philharmonie Essen eine Konzertreihe für Weltmusik. Unter dem Motto „From East to West“ spielen Ensembles, deren Mitglieder Fluchterfahrungen haben. Ihre Auftritte bringen frische Klangfarben ins Programm der Philharmonie – und neues Publikum.

Erste Erfahrungen mit einem Integrationsprojekt sammelte die Philharmonie seit 2014. Unter den Konzertgästen waren auch Ehrenamtliche, die sich für Geflüchtete engagierten. Mit ihnen entstand die Idee, Neuankömmlingen durch freien Eintritt zu Konzerten die Möglichkeit zu geben, die lokale Kulturlandschaft näher kennenzulernen.

Das Verwischen von Grenzen

Unter den Geflüchteten war damals auch Serbest Jajan. Der Musiker war aus Syrien über das bayerische Sulzbach ins Ruhrgebiet gekommen. Mit dem Intendanten der Philharmonie Essen, Hein Mulders, fand er schon bald einen begeisterten Befürworter der Idee, eine Konzertreihe mit arabisch-orientalischer Musik an der Philharmonie zu starten. Als 2018 schließlich das Weltmusik-Festival „Sounds of Africa“ ausgerichtet wurde, das beim Publikum sehr gut ankam, gewann auch das Vorhaben an Profil, Musik aus aller Welt stärker im regulären Programm der Philharmonie zu verankern. Schon zum Beginn der Spielzeit 2019/2020 war das erste Konzert der Reihe „From East to West“ zu erleben, in dem Geflüchtete aus Syrien und dem Iran gemeinsam musizierten. Gespielt wird in den Konzerten Musik aus der orientalischen Tradition und Werke, in denen musikalische Grenzen verschwimmen, sich auflösen. „Die Mitwirkenden der Philharmoniker Essen proben gemeinsam mit den internationalen Ensembles und erarbeiten zusammen die Stücke“, erzählt Anja Renczikowski. Sie hat die Konzertreihe entwickelt und betreut auch das zugehörige Weltmusik-Festival: In „Sounds of East to West“, das im Mai 2020 stattfindet, liegt der Fokus ebenfalls auf Musik aus dem Vorderen Orient.

Video

Foghil Naghil: ein traditionelles irakisches Stück, aufgeführt vom East West Pacem Orchestra im Januar 2020 in der Essener Philharmonie. Videoprojektionen zeigen Motive eines Empfangsraums aus Damaskus, der Ende des 19. Jahrhunderts von dem Hagener Kunstsammler Karl Ernst Osthaus erworben wurden und seit 1930 Bestandsteil des Völkerkundemuseums in Dresden waren.

Neues Publikum fühlt sich angesprochen

Um Kontakt zu geflüchteten Musikerinnen und Musikern zu bekommen, arbeitet Anja Renczikowski eng mit dem Integrationszentrum Essen, der Integrationsagentur der AWO Essen und einem Netzwerk syrischer Vereine zusammen. Doch nicht nur, um die Ensembles zu finden, ist der Kontakt zu den lokalen Netzwerken essentiell. „Wir brauchen die Zusammenarbeit auch, um Leute auf die Konzerte aufmerksam zu machen. Denn die erreichen Programminformationen ganz anders, als es bei unserem Stammpublikum der Fall ist. Viele Vereine sind untereinander vernetzt und so verbreiten sich die Informationen eher über Mundpropaganda und die Musiker selbst.“ Dass durch die Konzerte zum Teil neues Publikum angesprochen wird, ist Ziel der Reihe und funktionierte beim Eröffnungskonzert im September sehr gut. „Die Veranstaltung war ausverkauft; wir hätten sogar einen größeren Saal dafür wählen können“, berichtet Renczikowski über das Konzert, bei dem das Tarab Ensemble kurdische Volkslieder und historische Klänge vom osmanischen Hof mit Balkanrhythmen kombinierte. „Wir waren ganz überrascht, dass so viele Leute am Abend vor der Tür standen und noch eine Karte haben wollten. In der Regel kauft das Publikum die Karten immer schon weit im Voraus. Deshalb hatten wir mit dem Andrang nicht gerechnet.“

Eröffneten die Konzertreihe im September 2019: das Tarab Ensemble aus Essen, 2015 gegründet von dem Harfenisten Tom Daun
Eröffneten die Konzertreihe im September 2019: das Tarab Ensemble aus Essen, 2015 gegründet von dem Harfenisten Tom Daun
Arabische Musik zwischen Orient und Okzident neu erlebbar gemacht: Konzert des East West Pacem Orchestra mit Video-Animationen
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"Erinnerungen aus dem alten Damaskus": East West Pacem Orchestra und Mitglieder der Essener Philharmoniker musizierten im Januar 2020.
"Erinnerungen aus dem alten Damaskus": East West Pacem Orchestra und Mitglieder der Essener Philharmoniker musizierten im Januar 2020.
Tarab Ensemble: kurdische Volkslieder und historische Klänge vom osmanischen Hof kombiniert mit Balkanrhythmen
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"Wir hätten auch einen größeren Saal wählen können." Das Tarab Ensemble bei der Eröffnung der Konzertreihe
"Wir hätten auch einen größeren Saal wählen können." Das Tarab Ensemble bei der Eröffnung der Konzertreihe

Das letzte Konzert der laufenden Saison ist für Mai 2020 vorgesehen, doch auch in der Spielzeit 2020/21 wird die Konzertreihe fortgesetzt. Klänge des Vorderen Orients werden weiterhin eine wichtige Rolle spielen, doch gleichzeitig bringt der neue Titel der Reihe „Sounds of Heimat“ zum Ausdruck, dass zukünftig auch andere Stile in das Programm einfließen werden. Das Vorhaben, das Weltmusik-Festival als Biennale alle zwei Jahre auszurichten, besteht jedenfalls weiterhin – wobei die genauere Planung aber vom Zuspruch des Publikums abhängt. Bis jetzt kommt die Kombination aus traditioneller Musik anderer Kulturen und europäischer Musik sowie Jazz jedenfalls gut an, sagt Anja Renczikowski: „Das Interesse ist groß, bisher gab es für Weltmusik eben noch nicht so eine große Bühne. Dadurch ist es für viele ein neues Hörerlebnis.“

Autor: René Gröger
Stand des Beitrags: 20. Dezember 2019