Willkommenskultur statt Ausgrenzung

Am Hamburger Konservatorium werden seit über 100 Jahren Musiker und Musikerinnen, Laien und Profis ausgebildet. Seit Januar 2015 findet der Unterricht jedoch nicht mehr nur unter den Dächern des Konservatoriums statt, sondern auch in Hamburger Flüchtlingsunterkünften. Unter dem Titel „Willkommenskultur statt Ausgrenzung – gemeinsam musizieren“ führen dort professionell ausgebildete Dozent*innen soziokulturelle Projekte mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen durch.

„Unser Kollegium und der Vorstand waren sich angesichts der Flüchtlingssituation einig, dass wir eine gesellschaftliche Verantwortung haben und uns ihr stellen müssen“, beschreibt Markus Menke, einer der beiden Direktoren des Hamburger Konservatoriums, die Motivation für das Engagement in der Flüchtlingsarbeit. „Das war der ausschlaggebende Grund, warum wir beschlossen haben, in diese prekäre Situation hineinzugehen.“ 2014 setzten sich Vertreter*innen der Musikschule mit Politiker*innen und Betreibern von Erstaufnahmeeinrichtungen an einen Tisch und sprachen über den Einsatzbedarf sowie eine mögliche Umsetzung.

Vertrauen schaffen

Aus diesen Sitzungen gingen vor drei Jahren die ersten Projekte des Konservatoriums hervor, mit denen Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrungen durch Musik geholfen wird, in Deutschland Fuß zu fassen. Das Angebot umfasst neben wöchentlichem Instrumentalunterricht in verschiedenen Flüchtlingseinrichtungen auch Bandprojekte wie „bandboxx“. Hier können die Schüler*innen eigene Songs entwickeln und in einem mobilen Studio aufnehmen. Außerdem gibt es Tanzkurse, die sich speziell an junge Mädchen richten. „Hier war es besonders wichtig, nicht nur das Vertrauen der Schülerinnen zu gewinnen, sondern auch das der Eltern“, erklärt Markus Menke den oftmals schwierigen Anfangsprozess. „In den Sommermonaten waren wir oft draußen. Da haben alle gesehen, was wir genau machen und konnten schnell ihre Skepsis überwinden.“ Dolmetscher, die bei den Kursen anwesend waren, unterstützten zudem den ersten Kontakt zwischen Schülerinnen, Eltern und den Lehrenden.

Sprachbarrieren überwinden

Im Projekt „bandboxx“ können die Schüler*innen eigene Songs entwickeln und aufnehmen. (Foto: Markus Hertrich)

Sprachbarrieren mit Musik zu überwinden, ist ein wichtiger inhaltlicher Aspekt, den das Hamburger Konservatorium verfolgt. Aus diesem Grund konzentrieren sich die Angebote nicht ausschließlich auf das gemeinsame Trommeln oder das Erlernen weiterer Instrumente, sondern auch auf den Spracherwerb. In Gesangsgruppen lernen die Kinder mit dem Stoffaffen „Bonobo“ spielerisch die deutsche Sprache und den Alltag kennen. „Mittlerweile sind die Gesangskurse mit Bonobo so beliebt bei uns, dass sogar deutsche Kinder mitmachen“, sagt Markus Menke. Dadurch bekomme der Unterricht neben dem reinen sprachlichen Zugewinn auch noch eine inklusive Komponente, die zunehmend wichtig sei.

Ausgebildete Dozent*innen statt ehrenamtlicher Mitarbeit

Während viele Projekte in der Flüchtlingsarbeit auf ehrenamtliche Hilfe angewiesen sind, waren es beim Hamburger Konservatorium von Anfang an speziell ausgebildete Kursleiter*innen, die den Unterricht gestalteten. Für den Direktor des Hamburger Konservatoriums sind dafür zwei Gründe ausschlaggebend: „Zum einen wird durch die feste Bezahlung eine Kontinuität der Arbeit gewährleistet. Das ist essentiell im sozialen Bereich, um Vertrauen zu den Kindern aufzubauen. Zum anderen sind die Schüler*innen oft noch von den Fluchterlebnissen traumatisiert, wenn sie hier ankommen. Da ist eine professionelle Betreuung durch Mitarbeiter*innen, die mit traumatherapeutischen Methoden vertraut sind, sehr wichtig.“

Derzeit sind 36 Mitarbeiter als Honorarkräfte in den verschiedenen Projekten beschäftigt, mit denen bereits 1.800 Kinder und Jugendliche erreicht werden konnten. Für die Bezahlung der Dozent*innen ist man sowohl auf das Geld von Privatspendern angewiesen als auch auf Stiftungen, die einen Teil der finanziellen Last stemmen. Außerdem wurde das Projekt bis Mitte 2017 aus Fördertöpfen von „Kultur macht stark“ finanziert. Das Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung geht ab 2018 in die nächste Runde. Für das Hamburger Konservatorium bedeutet das, neue Projekte entwickeln zu müssen, um weiterhin gefördert zu werden.

Inklusion und Teilhabe

Markus Menke sieht die derzeitigen Aktivitäten dadurch aber keineswegs gefährdet. Im Gegenteil: Er sieht sogar einen Bedarf darin, sie kontinuierlich weiterzuentwickeln und den Bedürfnissen anzupassen: „Am Anfang ging es darum, den Geflüchteten eine Ersthilfe anzubieten und langsam Vertrauen aufzubauen. Jetzt sind wir an dem Punkt, wo wir uns stärker auf Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe konzentrieren können.“ Konkret bedeutet das eine stärkere Zusammenarbeit mit Schulen, Jugend- und Stadtteilzentren, um mehr Austausch zwischen den gesellschaftlichen Gruppen zu erreichen. Eine stabile Finanzierung von „Willkommenskultur statt Ausgrenzung“ ermöglicht zugleich, dass bisherige Kurse inhaltlich weiterentwickelt und in Zukunft noch ausgebaut werden können.

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Die Initiative

  • Das Hamburger Konservatorium ist eine große Musikschule mit über 9.000 Schüler*innen und einer Akademie mit etwa 300 Studierenden im Bereich Instrumentalpädagogik und Vokal- bzw. Orchestermusik. Gegenwärtig werden 32 wöchentliche und 10 Ferienkurse im Bereich Tanz, Instrumentalunterricht, Musiktherapie, Instrumentenbau und Gesang angeboten.

  • Ein wichtiges Projekt ist „Trommelpower“. Die Perkussionkurse dienen der Gewaltprävention und sollen dabei helfen, innere Stärke zu fördern. Aus diesem Unterricht ging die Band „Unschlagbar“ hervor, die in Hamburg und dem Umland für verschiedene Veranstaltungen gebucht wird.
  • Insgesamt wurden mit den Angeboten bisher 1.800 Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrungen erreicht. 36 Mitarbeiter*innen werden derzeit in den Projekten als Honorarkräfte beschäftigt. Neben Privatspenden läuft die Finanzierung vor allem über größere und kleinere Stiftungen, darunter die ZEIT-STIFTUNG, die HASPA Musikstiftung, die Stiftung Maritim und die Körber-Stiftung, Mittel des Hamburger Spendenparlaments sowie Zuwendungen der Bezirke und der Bürgerschaft.
  • Weitere Informationen zum Projekt finden Sie auf der Website des Hamburger Konservatoriums sowie in unserer Datenbank.

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Autor: René Gröger
Stand des Beitrags: 21. Dezember 2017