Lieder zum Ankommen

Heterogener geht es kaum: Vorbereitungsklassen an Grundschulen stellen Leiter*innen von Singprojekten vor besondere Herausforderungen. Doch die Auswahl und Anpassung von Liedern, die Ansprache der Flüchtlingskinder und die Wahl der Methoden – dies alles muss nicht in jedem Projekt neu entwickelt werden. Eine neue Handreichung will Singprojekte in Vorbereitungsklassen und anderen Sprachfördergruppen unterstützen.

Von Robert von Zahn

Seit Herbst 2014 haben in Nordrhein-Westfalen mehrere Hundert Musikprojekte mit Flüchtlingen stattgefunden. Nicht alle wirken nachhaltig, manche scheitern schon an ihren Rahmenbedingungen oder unzureichenden Konzepten. Einen hohen Erfolgsfaktor haben indessen oft Projekte, die sich mit Singen beschäftigen. Sie begünstigen nicht nur die Aneignung der deutschen Sprache, sondern sie helfen auch, soziale Netze zu knüpfen und ermöglichen, dass sich die Zugewanderten über ein gemeinsames Artikulationsmittel ausdrücken können. Viele solcher Projekte zielen auf Kinder und Jugendliche – immerhin sind fast ein Drittel der in NRW angekommenen Flüchtlinge bis zu 18 Jahre alt. Und so finden Singprojekte auch in sogenannten Vorbereitungsklassen der Grundschulen statt.

Musikschullehrer und -lehrerinnen, freischaffende Pädagogen und Pädagoginnen engagieren sich hier – arbeitsteilig oder im Tandem – neben schulischen Lehrkräften und sind in Methodik und Materialien oft auf Improvisationen angewiesen: Sogar einschlägige berufliche Erfahrung mit heterogenen Gruppen findet ihre Grenzen angesichts von Vorbereitungsklassen, in denen Kinder von drei Kontinenten mit großen Altersunterschieden beisammen sitzen, die ohne Weiteres 16 verschiedene Sprachen sprechen und alle zusammen auf 25 Worte Deutsch kommen. Sprachfördergruppen der Grundschulen sind kaum weniger heterogen. Mit bemerkenswerter Unerschrockenheit entwickeln die Pädagoginnen und Pädagogen eigene Unterrichtskonzepte und sammeln Lieder – meist, indem sie auf ihnen vertraute Melodien setzen und diese auf die Situation hin bearbeiten.

Meist haben die Kinder in Vorbereitungsklassen eine Fluchtgeschichte hinter sich, die es ihnen schwer macht, einem systematischen Sprachunterricht konzentriert zu folgen. Auch die persönlichen Umstände, in denen sie leben, bieten kein günstiges Lernumfeld. In einer permanenten Sprachenvielfalt und Flut neuer Reize erleben sie jedoch in Singprojekten, dass andere Kinder, die sie oft nicht verstehen können, mit ihnen zu einer klingenden Gemeinschaft werden.

Singen mit geflüchteten Kindern: Wichtig sind klare, alltagesbezogene Inhalte. Die Melodien wie auch die motorische Umsetzung der Begriffe mit Gesten und Bewegungen erleichtern das Lernen von Sprache.  (Foto: Music Loft Aachen)

Allein schon diese Identitätsstiftung durch das gemeinsame Singen erleichtert den Zugang zur neuen Sprache, das Spielerische in den Methodiken der Projekte tut das Seine. So sollten die ersten Lieder schlicht und lautmalerisch gehalten sein, um rasch Erfolgs- und Gemeinschaftserlebnisse zu ermöglichen. Ideal ist es, wenn diese Lieder auch den Weg in die regulären Schulklassen finden: Wenn im schulischen Rahmen zusammen gesungen wird, können auch Flüchtlingskinder mit einstimmen. So bröckelt die Isolation.

Da die Kinder die Texte zunächst meist nicht verstehen, sollten die Lieder klare, alltagsbezogene Inhalte haben, die sich die Kinder leicht vorstellen können. Zu Begriffen entstehen Bilder im Kopf, zu Handlungen Gesten und Pantomime. Zeichnungen und Piktogramme verdeutlichen Begriffe in den Liedtexten. Wichtiger noch ist die motorische Umsetzung: Gesten, Bewegungen, ja Tänze verdeutlichen Begriffe für Gegenstände, Körperteile und Bewegungen (gehen, springen, rennen) oder auch für Präpositionen (vorne, hinten, oben, unten).

Melodien prägen auch Aufreihungen der Zahlen, Wochentage, Jahreszeiten, Monate etc. ein. Ist die Reihenfolge abstrakt schwer zu merken, wird sie gesungen schnell zur Selbstverständlichkeit. Die Rhythmisierung der Lieder unterstützen die Pädagogen durch Bodypercussion, das stärkt das Empfinden der richtigen Aussprache und das Behalten der Reihenfolge von Begriffen. Wichtig ist es, Lieder auszuwählen, deren Rhythmus dem tatsächlichen Sprachrhythmus des Textes entspricht. Auch wenn die Texte auf die Situation bezogen bearbeitet werden, muss sich der natürliche Sprachduktus im Lied wiederfinden. Denn das Singen verstärkt die Wahrnehmung der Betonungen und unterstützt so die Wiedererkennung von Sprachmustern in Sprechsituationen.

Arbeitsblätter, Farbtafeln, Tafeln mit Piktogrammen und andere Handreichungen können helfen, die Sinne der Kinder ganzheitlich anzusprechen. Singen verstärkt den Spracherwerb dann effektiv, wenn das gemeinsame Singen, die Visualisierung der Inhalte und die motorische Umsetzung ineinandergreifen. Und wenn das Ganze Spaß macht.

Deshalb brauchen die Unterrichtskonzepte Raum für Bewegung. Tische gehören nicht in den Raum, ein Stuhlkreis genügt. Ohne Bewegung im Raum ist Singen nur der halbe Erfolg. Die Hände der Pädagoginnen und Pädagogen sollten frei für Gesten sein. Die Begleitung am Klavier kann einerseits nützlich, in diesem Sinne aber auch einschränkend sein. Auch die Kinder benötigen keine Instrumente. So viel Vergnügen kleines Perkussionsinstrumentarium auch bereiten kann, schränkt es doch die Aufmerksamkeit für das Singen und seine Inhalte ein. Improvisation wird beim Singen mit geflüchteten Kindern groß geschrieben.

Liederbuch als Arbeitshilfe

Doch nicht jedes Projekt sollte das Rad neu erfinden müssen. Erste Publikationen von Liedern, die speziell dem Singen mit Flüchtlingskindern gelten, bieten Unterstützung. Das Buch „Lieder zum Ankommen“ von Ursula Kerkmann, das der Landesmusikrat NRW Ende 2017 beim Helbling Verlag herausbringt, bietet rund 80 Lieder, die sich besonders für den Einsatz beim Singen mit Flüchtlingskindern eignen. Daneben enthält der Band Unterrichtskonzepte, visualisierende Hilfsmitteln, Stundenverläufe sowie einführende Hinweise und Erläuterungen.

Ursula Kerkmann trug die Lieder und Erfahrungen im Rahmen ihrer Tätigkeit an einer Kölner Grundschule mit über 90 % Migrationsanteil zusammen. Sie leitet dort die Singklassen in allen Schuljahren und fördert bereits seit 2013 Kinder mit geringen Deutschkenntnissen anhand ihres in der Praxis fortlaufend entwickelten Konzepts, seit 2015 auch geflüchtete Grundschulkinder. In den Situationen des Singens mit diesen höchst heterogenen Gruppen trennte sich während der Arbeit mit den Vorbereitungsklassen bei den eingesetzten Liedern und Methoden die Spreu vom Weizen. In enger Zusammenarbeit mit dem Lektorat des Verlags entstand eine praxisgerechte Sammlung und Handreichung, deren Erarbeitung und Drucklegung das nordrhein-westfälische Kulturministerium unterstützte.

Über den Autor

Prof. Dr. Robert von Zahn ist seit 2005 Generalsekretär des Landesmusikrats NRW, der sich seit 2015 aktiv um eine kontiuierliche musikalische Arbeit mit Geflüchteten bemüht und bislang mehr als 150 Projekte in diesem Bereich gefördert und begleitet hat.

Der Beitrag erschien unter dem Titel „Lieder zum Ankommen“ in der Zeitschrift Musikforum 02/2017 und wurde für das Portal „Musik und Integration“ leicht gekürzt. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der SCHOTT MUSIC GmbH/Musikforum 02.2017.

Stand des Beitrags: 7. Dezember 2017