Musik als neue Heimat

In Gemeinschaftsunterkünften für Geflüchtete gibt es neben dem Sprachunterricht oft nur wenig Angebote für Kinder und Jugendliche. Der gemeinnützige Verein MitMachMusik e.V. organisiert Gruppenunterricht, um etwas Abwechslung in den Unterkunftsalltag zu bringen. Professionelle Musikpädagogen musizieren und singen zweimal pro Woche mit den geflüchteten Kindern. Tatjana Bartsch koordiniert das Projekt, das seit Anfang 2016 in Berlin läuft.

Frau Bartsch, erklären Sie uns kurz, was Ihr Verein macht?

Wir bieten momentan in fünf Standorten in Berlin und Potsdam Musikunterricht für Kinder mit Fluchterfahrungen an. Sie kommen unter anderem aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan. Der Unterricht findet in Gruppen mit 20-30 Schülern statt, die zwischen fünf und 18 Jahren alt sind. Fast keiner von ihnen ist vorher schon mit klassischer europäischer Musik in Berührung gekommen. Deswegen sind viele Schüler besonders aufgeregt, wenn sie neu bei uns sind und zum ersten Mal ein Cello oder eine Geige sehen und halten dürfen.

30 Kinder aus verschiedenen Kulturen, die miteinander Musik machen – das klingt nach einer schönen Idee, aber auch etwas chaotisch.

Das lässt sich manchmal nicht verhindern. Darum gibt es neben dem musikalischen Leiter noch zwei weitere Lehrkräfte, die ihn unterstützen. So klappt das ganz gut. Unsere Musiklehrer fahren zweimal pro Woche in die Flüchtlingsunterkünfte. Darunter sind sowohl deutsche als auch geflüchtete Musiker. Da der Unterricht regelmäßig stattfindet, haben die meisten Schüler ein Stamminstrument, auf dem sie spielen. Im Prinzip ist das wie bei einem normalen Orchester auch. Es gibt allerdings ein paar besondere Regeln. Zum Beispiel müssen alle ihr Handy ausschalten, damit der Unterricht disziplinierter abläuft. Das gilt übrigens auch für die Lehrer.

Die Kinder und Jugendlichen kommen aus Ländern, in denen sie oft mit Gewalt und Terror konfrontiert gewesen sind. Sind die Musiklehrer im Umgang mit traumatisierten Kindern geschult?

Das ist ein wichtiger Punkt. Deshalb wird unser Team regelmäßig im Umgang mit traumatisierten Kindern von Traumatherapeuten weitergebildet. In unseren Schulungen werden die Musikpädagogen für die Probleme sensibilisiert, die mit den Traumata verbunden sein können. Dementsprechend achten sie darauf, wenig Druck auszuüben und sensibel mit den Kindern umzugehen, auch wenn es mal etwas drunter und drüber geht.

Foto: Christophe Gateau

Als der Verein Anfang 2016 gegründet wurde, war in den Medien immer wieder von „der großen Flüchtlingswelle“ die Rede. Inzwischen ist die Zahl der Geflüchteten, die nach Deutschland kommen, stark zurückgegangen. Gibt es jetzt überhaupt noch einen großen Bedarf bei Ihnen?

Interessanterweise ist die Nachfrage gerade außerhalb von Berlin sehr groß. Mittlerweile werden viele Flüchtlingsunterkünfte in den Berliner Außenbezirken betrieben, allerdings fehlt es dort an musikalischen Freizeitangeboten. Wir versuchen es dann zu ermöglichen, dass die Jugendlichen bei uns mitmachen können. Eine regelmäßige Teilnahme ist aufgrund der räumlichen Distanz aber oft sehr schwierig. Ähnliches gilt leider auch für Kinder, die mit ihren Familien inzwischen eine Wohnung gefunden haben und nicht mehr in einer Unterkunft leben müssen. Die Fahrtwege werden manchmal so lang, dass sie nicht mehr zu uns kommen können.

Haben Sie schon Ideen, wie Sie das in Zukunft verbessern können?

Wir installieren gerade ein Konzept, bei dem wir den Unterricht aus den Unterkünften in sogenannte neutrale Standorte mit guter Verkehrsanbindung verlagern. Das bietet den Vorteil, dass auch geflüchtete Kinder und Jugendliche außerhalb der Unterkünfte daran teilnehmen können. Außerdem würde das den nächsten logischen Schritt in der Integration ermöglichen: Einen intensiveren Austausch zwischen geflüchteten und einheimischen Kindern durch gemeinsames Musizieren. Hierdurch können Freundschaften zwischen den Kindern und Kontakte zwischen ihren Familien und ihrem sozialen Umfeld entstehen.

Das Gespräch führte René Gröger.

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Die Initiative

  • Der MitMachMusik e.V. wurde 2016 als gemeinnütziger Verein in Berlin gegründet. Er bietet Kindern mit Fluchterfahrungen zwischen fünf und 18 Jahren die Möglichkeit, gemeinsam mit Musikpädagogen in den Gemeinschaftsunterkünften zu musizieren. Der Unterricht findet zwei Mal wöchentlich an derzeit fünf Standorten statt. Als Lehrkräfte wirken professionelle Musiker auf Honorarbasis. Im Rahmen der Zusammenarbeit “Interkulturelle Musikschule“ fördert die AWO Potsdam auch einige geflüchtete Musiklehrer mit Honorarverträgen. Daneben wirken viele Helfer ehrenamtlich mit.
  • Der Verein finanziert sich zu 80% aus privaten Spenden, 20% sind öffentliche Fördermittel. Das neue Projekt wird in den kommenden drei Jahren durch die Aktion Mensch gefördert. Ein Vereinsbüro gibt es nicht, die Arbeit wird von zu Hause aus betrieben.
  • Weitere Informationen zum Projekt gibt es in unserer Datenbank.

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Stand des Beitrags: 5. Februar 2018