Teilhabe und Chance: Elementare Musikpraxis International

Im Oktober 2017 startete das Pilotprojekt International Music Education (IME), das Geflüchteten eine musikpädagogische Weiterbildung an Kitas ermöglichte. Kooperiert haben dafür die Stiftung Kultur Palast und die Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Seit Sommer 2019 hat IME einen Nachfolger.

Im Rahmen der Qualifizierungsmaßnahme International Music Education wurden zwischen 2017 und 2019 in zwei Durchgängen Menschen mit Fluchterfahrungen musikpädagogisch geschult. Das Angebot richtete sich primär an Musiker*innen, die idealerweise schon pädagogische Vorerfahrungen haben. In Tandems mit Erziehungskräften aus Kitas in sozial und kulturell benachteiligten Stadtteilen Hamburgs wurden sie theoretisch und praktisch ausgebildet, um als Musiklehrkräfte in den Kindertagesstätten arbeiten zu können: „Das ist ein sehr ambitioniertes und kompliziertes Projekt gewesen, was wir in dieser Form nicht erwartet haben“, sagt Prof. Dr. Almuth Süberkrüb, künstlerisch-pädagogische Leiterin von International Music Education. In den Seminaren hat sie elementare Musikpädagogik unterrichtet und dabei hat sie unmittelbar erlebt, was gut funktionierte und an welchen Punkten die Durchführung des Projekts nachgebessert werden musste.

Ambitioniertes Pilotprojekt mit Startschwierigkeiten

„Es gab verschiedene Schwierigkeiten in der Kommunikation zwischen den Beteiligten. Einige sind manchmal ohne zu informieren nicht oder zu spät zu Fortbildungstagen gekommen, zum Beispiel, weil sie zum Amt mussten oder ihren Sprachkurs hatten. Aus Krankheitsgründen fehlten sie in der Kita, haben ihren Tandempartner in der Kita aber nicht informiert. Die haben sich dann gewundert, warum niemand zum Musikmachen erscheint“, sagt Süberkrüb. Ein weiteres Problem war, dass manchen Teilnehmerinnen und Teilnehmern das gemeinsam mit dem Bundesfreiwilligendienst Welcome entwickelte Konzept nicht völlig klar war. „Als wir in den Einrichtungen waren, um zu schauen, wie es läuft, hat einer der Geflüchteten beispielsweise Einzelunterricht auf der Gitarre gegeben, statt mit den Erziehern eine Gruppe anzuleiten.“ Trotzdem konnten in den zwei Projektgruppen, die 18 Monate und zwölf Monate dauerten, immerhin 19 Zertifikate für den Abschluss der Qualifizierungsmaßnahme vergeben werden.

Neues Projekt unter Leitung der Musikhochschule

Trainieren gemeinsam Bewegung, Improvisation, Stimmbildung und vieles mehr: Teilnehmerinnen des Zertifikatskurses im Seminar.

Als das Pilotprojekt im Sommer 2019 auslief, startete Almuth Süberkrüb mit Hilfe von Fördermitteln der Bund-Länder-Initiative „Innovative Hochschule“ ein Folgeprojekt. „Elementare Musikpraxis International“ ist ein Zertifizierungslehrgang der HfMT Hamburg, der ähnlich ausgerichtet ist wie International Music Education: „Wir haben aber dieses Mal darauf geachtet, dass wir von Anfang an Tandems haben, die gut funktionieren“, so Süberkrüb. Die Musiker*innen mussten zum Nachweis ihrer Voraussetzungen eine projektbezogene Aufnahmeprüfung an der Hochschule bestehen und erhalten am Ende ein Hochschulzertifikat. „Wir arbeiten mit einem Kitaträger zusammen und haben die Kitas mehr eingebunden. So ist Unterstützung gewährleistet, und die jeweils beteiligten Erzieher und Erzieherinnen werden auch in Zeiten von Personalmangel wirklich regelmäßig gemeinsam mit den Zugewanderten weitergebildet.“ Durch die Praxisprojekte im Tandem und den gemeinsamen Besuch von Seminaren lernen Erzieher*innen und Musiker*innen voneinander und können vom Wissen des jeweils anderen profitieren. In den Seminaren geht es um die Grundlagen elementarer Musikpädagogik sowie um Themen wie Musik und Bewegung, Frühpädagogik, Grundlagen angewandter Musiktheorie, Improvisation und Stimmbildung. Stärker als im Vorgängerprojekt wurde bei der Auswahl der Bewerber darauf geachtet, dass die Tandempartner zueinander passen und die Motivation klar gegeben ist, am Lehrgang bis zum Ende teilzunehmen.

Starke Tandems für die Berufspraxis

Im Jahrgang 2019/20 werden sieben Tandems geschult. Für die teilnehmenden Erzieherinnen und Erzieher gibt es durch die Weiterbildung am Ende die Möglichkeit, in einen höheren Tarif eingruppiert zu werden. Geflüchteten wiederum soll das Zertifikat auf dem freien Arbeitsmarkt bessere Aussichten ermöglichen, sagt Almuth Süberkrüb: „Wir haben den Lehrgang auf elementare Musikpraxis für Kita-Gruppen zugeschnitten. Genau dafür werden die Teilnehmer qualifiziert. Das ist aber keine Konkurrenz zu einem Studium im Bereich der elementaren Musikpädagogik, welches natürlich viel umfassender ist.“

Finanzierung vorerst gesichert

Voneinander lernen: "Elementare Musikprais International" setzt auf Tandems und Austausch.

Bis 2022 ist die Förderung für „Elementare Musikpraxis International“ zur Freude von Almuth Süberkrüb gesichert. Danach müsse man sehen, wie es weitergeht und dafür nicht zuletzt wissen, wie hoch die Nachfrage für die Qualifizierung überhaupt ist. Denn wie groß der Personenkreis zugewanderter Musikerinnen und Musiker aus nicht EU-Ländern ist, der sich für den Lehrgang eignet und für die eine Teilnahme überhaupt in Frage kommt, lässt sich noch nicht genau sagen. Almuth Süberkrüb möchte den Lehrgang daher nicht nur auf Hamburg und das unmittelbare Umland ausrichten, sondern Norddeutschland und Deutschland insgesamt einbeziehen.

Autor: René Gröger
Stand des Beitrags: 20. Dezember 2019