Musikstipendien für Kinder mit Fluchterfahrungen

Katja und Konrad Bihler sind Musiker. Das Musizieren möchten sie auch an Kinder mit Fluchterfahrungen weitergeben, um ihnen den Start in Deutschland zu erleichtern. Seit dem Schuljahr 2015/16 unterrichten die Bihlers deshalb ehrenamtlich in ihrer Musikschule in Augsburg. Unterrichtsstipendien gibt es für die Fächer Klavier, Violine und Violoncello.

Mit ihren zarten Fingerkuppen streicht Joana über die feine Holzmaserung. Die dünnen Arme umschlingen den Hals ihres Cellos, während sie ihren Kopf vorsichtig auf dem Korpus ablegt. Damit die Strähnen beim Spielen nicht stören, hat sie sich das lange, schwarze Haar zu einem Zopf gebunden. Hochkonzentriert blickt das zehnjährige Mädchen auf das Instrument ihres Lehrers vor sich. Jede seiner Handbewegungen wird genau erfasst. Konrad Bihler zeigt der jungen Syrerin eine Aufwärmübung, damit sie nicht so schnell verkrampft beim Spielen. Das sei wichtig, besonders wenn die Musikerkarriere noch buchstäblich in den Kinderschuhen steckt. Seit letztem Jahr unterrichtet Bihler gemeinsam mit seiner Frau Katja Flüchtlingskinder wie Joana. „Wir wollten uns unbedingt engagieren und haben überlegt, am besten etwas zu machen, wofür wir sowieso schon Spezialisten sind“, sagt Katja Bihler. „Dann hatten wir die Idee, Kindern aus Flüchtlingsgebieten, die hier in eine ganz fremde Welt kommen, die Möglichkeit zu bieten, ein Instrument zu lernen.“

Leihinstrumente für einen Euro

Eigentlich würde dieser Musikunterricht viel Geld kosten, ganz zu schweigen vom Cello selbst. Aber durch gute Verbindungen zu Kollegen in Augsburg konnte das Ehepaar sein Projekt auf die Beine stellen: Ein befreundeter Geigenbauer vermietet die Instrumente – für einen symbolischen Preis von einem Euro pro Monat. Und da die Nachfrage mittlerweile so groß sei, hätten bereits andere Musiklehrer in Augsburg ihre Mitarbeit angeboten, sagt Konrad Bihler: „Ich war wirklich überwältigt von der regen Beteiligung – sowohl auf Seiten der Musiker als auch bei den Flüchtlingen. Das zeigt, wie groß der Bedarf ist.“

Joana sitzt heute erst zum fünften Mal auf dem schwarzlackierten Holzschemel der kleinen Musikschule in der Augsburger Innenstadt. Die Zehnjährige ist mit ihrer Familie vor dem IS geflohen, von der nordsyrischen Stadt Kobane bis nach Bayern. Am Anfang war ihr alles fremd, auch Freizeitaktivitäten hatte sie kaum – bis sie eine Sozialarbeiterin auf das Projekt aufmerksam machte. Ihre Leidenschaft für Musik ist bereits groß: „Ich liebe Cello! Es macht mir sehr viel Spaß und ich möchte unbedingt weiterlernen“, schwärmt die junge Syrerin mit glänzenden Augen. Dabei umklammern  ihre Finger den Steg des Instruments, als wäre er die Reling eines schwankenden Schiffes.

Konrad Bihler betrachtet Joanas Klammergriff skeptisch und positioniert ihre Finger vorsichtig auf dem Griffbrett: „Wichtig ist, dass du ganz locker bleibst beim Spielen.“ Etwas zaghaft und verkrampft zugleich führt die Zehnjährige den Bogen über die Saiten, als könnten sie jeden Moment reißen. „Das ist so schwierig. Ich finde, alle machen die Ohren zu, wenn ich spiele“, lacht Joana. Wenn dann doch ein richtiger Ton erklingt, strahlen die Augen des jungen Mädchens vor Glück.

Musik zur Selbstentfaltung

Individuelle Stärken und Talente zu fördern, ist für jedes Kind wichtig, „doch Freizeitangebote für Flüchtlingskinder wie Joana gibt es bisher viel zu wenig“, sagt Cellist Konrad Bihler. Als er helfen wollte, wandte er  sich mit seiner Frau an das Büro für Bürgerschaftliches Engagement der Stadt Augsburg und bot an, geflüchtete Kinder ehrenamtlich zu unterrichten. Joana übt täglich auf dem Instrument – was manchmal gar nicht so einfach ist, wie ihr Cellolehrer weiß: „Im Vergleich zu anderen Schülerinnen hat sie natürlich das Problem, dass bei ihr zu Hause immer Highlife ist.“ Da sei es manchmal gar nicht so leicht für sie, sich etwas Ruhe zu verschaffen. „Umso wichtiger ist es für sie, dass sie etwas gefunden hat, mit dem sie sich selbst entfalten kann. Für Joana ist das Cello im Moment quasi das Wichtigste in ihrem Leben und sie konzentriert sich sehr darauf“, sagt Konrad Bihler.
Joanas Spielfreude motiviert den Cellisten, mit dem Projekt weiterzumachen, auch wenn es manchmal mühsam ist und Nerven kostet. Die Kommunikation läuft oft nur mit Gesten und Mimik, denn Joana beherrscht die deutsche Sprache noch nicht so gut. Das macht einen intensiven Musikunterricht bisweilen schwierig. „Das gleiche gilt für die Eltern, mit denen man zum Beispiel Unterrichtszeiten vereinbaren muss. Da braucht man viel Geduld auf beiden Seiten.“

Ein Blick in die strahlenden Augen des Kindes sei für ihn jedoch die Bestätigung dafür, dass er den richtigen Schritt gegangen ist. Das Cello gibt der jungen Syrerin die Möglichkeit, sich zurückzuziehen und sich allein einer Sache intensiv zu widmen. Artikulation durch die eigene Musik: „Das kann sehr wichtig sein, um den Verlust ihrer Heimat und die Fluchterlebnisse zu verarbeiten“, sagt der Cellist. So werde überhaupt erst die Grundlage für gesellschaftliche Teilhabe geschaffen. „Das Zusammenspiel im Orchester ist dann der nächste Schritt“, ergänzt Ehefrau Katja.

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Die Initiative

  • Das Ehepaar Bihler vergibt seit dem Schuljahr 2015/2016 in Kooperation mit den Augsburger Philharmonikern Stipendien an Flüchtlingsfamilien. Diese beinhalten kostenlosen Musikunterricht für einzelne Kinder in ihrer Augsburger Musikschule PianoArt sowie kostenlose Leihinstrumente. Der Kontakt zwischen den Musiklehrern und den geflüchteten Kindern wurde über das Büro für Bürgerschaftliches Engagement hergestellt, das mit Sozialarbeitern in den Flüchtlingsunterkünften vernetzt ist. Gefördert wird das ehrenamtliche Engagement durch den Tonkünstlerverband Bayern e.V., der die monatliche Versicherungsgebühr für die Leihinstrumente übernimmt.
  • Derzeit werden sieben Schülerinnen wöchentlich in den Fächern Violine, Violoncello und Klavier unterrichtet.
  • Weitere Informationen zum Projekt finden Sie in unserer Datenbank.

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Autor: René Gröger
Stand des Beitrags: 27. November 2017