Praxis der musikalischen Arbeit mit Migranten und Geflüchteten

Mit den stark ansteigenden Flüchtlingszahlen der Jahre 2015/16 kam es in Deutschland zu einem großen ehrenamtlichen Engagement. Auch Musikangebote wurden vielerorts spontan entwickelt. Diese erste Generation der Willkommensprojekte ist inzwischen kontinuierlich durch nachhaltiges Projektengagement abgelöst worden.

Von Robert von Zahn

Tradition von Musik und Integration in der Bundesrepublik

Die Bundesrepublik Deutschland war gerade einmal sechs Jahre alt, als sie die erste Migrationswelle erlebte. Zwischen 1955 und 1973 wanderten italienische, griechische und türkische „Gastarbeiter“ im Zuge von Anwerbeabkommen ein, deren Aufenthalte von den amtierenden Bundesregierungen eigentlich als zeitlich begrenzt vorgesehen waren. Doch als der „Anwerbestopp“ 1973 den Zuzug begrenzte und die Zahl der Arbeitsuchenden verkleinern sollte, waren aus vielen Aufenthalten schon dauerhafte Lebenssituationen und das Phänomen des „Gastarbeiters“ zur Situation einer Einwanderung geworden. 1

Für die Regierungen der Bundesrepublik galt für Jahrzehnte der Grundsatz „Die Bundesrepublik ist kein Einwanderungsland“. Unter diesem Postulat tat sich die Exekutive in Bezug auf Maßnahmen, ein dauerhaftes gesellschaftliches Miteinander von Altbevölkerung und Migranten herbeizuführen, schwer. Dabei waren Probleme in der Kommunikationsfähigkeit, in den Bildungserfolgen und in der beruflichen Qualifikation der Kinder von Migranten wie auch die Überrepräsentanz bei den Arbeitslosenzahlen, die Unterrepräsentanz in Führungspositionen der Wirtschaft und Phänomene der kulturellen Abschottung nicht zu übersehen. Unter anderem Musik diente den Migranten als Mittel der Artikulation ihrer Lebensbedingungen; viele besangen ihre Probleme, und in vielen Stadtvierteln entstand die klingende Diaspora einer idealisierten Heimat.

Mit den „Songs of Gastarbeiter“ veröffentlichten 2013 der Regisseur Bülent Kullukcu und der Schriftsteller Imran Avata ein Klangbild jener Zeit. Beide hatten jene Lieder gesammelt, die ihre Eltern und Großeltern gesungen und gehört hatten und in denen die Vorurteile und Zurückweisungen seitens der Aufnahmegesellschaft thematisiert wurden. Gesungen wurden sie in den 1970er und 1980er Jahren auf Geselligkeiten, auf Hochzeiten und auch politischen Veranstaltungen; Lebensmittelläden offerierten die Aufnahmen auf Musikkassetten. Diese Parallelkulturform blieb in der Aufnahmegesellschaft seinerzeit unbeachtet. 2

Währenddessen veränderte Migration seit den 1970er Jahren viele Städte Deutschlands, so zunächst Hamburg, Köln und Berlin. Viele der „Gastarbeiter“ und ihre Nachkommen prägten das Gesicht von Stadtteilen durch Geschäfte und Betriebe, die sie eröffneten. In der dortigen Gastronomie erklangen Sprachen und Musikformen, die durch Einwanderung ins Land gekommen waren. Werbung, Beschilderung und Lokalausstattung zeigten Stilistiken der Herkunftskulturen. Unter Künstlern und Kulturschaffenden waren Fotografen und Autoren die ersten, die darauf entweder journalistisch dokumentierend oder auch künstlerisch verarbeitend reagierten.

Szenen und ihre Durchlässigkeit

Korrelierend entstand in der Bundesrepublik der 1970er Jahre eine Bewegung hin zur Folkmusik und zu bestimmten Musikstilen in der Welt. Diese Bewegung verstand sich nicht als Integrationsmotor, sondern eher als übergreifend gesellschaftskritisch. Politisch war an ihr der Wille, die herrschende Geisteshaltung in der Bundesrepublik zu verändern und für soziale Gerechtigkeit, für politische Teilhabe aller und für internationale Aufgeschlossenheit einzutreten. Obwohl sie in urbanen Räumen großen Einfluss gewann, knüpfte sie allenfalls lose Verbindungen zur Musik von Einwanderern. Diese spielten und sangen in kulturellen Szenen, die oft auch dort geschlossen wirkten, wo ihre Akteure eigentlich sozial im Gefüge der Bundesrepublik verankert waren.

Es gehört zu den Phänomenen von Migration, dass viele Einwanderer mit einem diffusen, wenig ausgeformten Begriff von Heimat in das Aufnahmeland kommen. Erst wenn sie die Fremde kennenlernen, gewinnt die Heimat Kontur durch das, was verloren ging. Musik macht die Herkunftsregion wieder zugänglich. Viele Migrant*innen zeigen in der aktuellen Umgebung eine Affinität zur Musik, die sie vorher kaum auslebten. Die mitgebrachten Musiktraditionen enthalten vertraute Klänge und die erste erlernte Sprache, sie transportieren Melodien der Kindheit, instrumentale Spielweisen aus erlebten Festen – das alles vermittelt Vertrautheit in einer fremden Umgebung. 3 Als die Soziologin Meral Cerci 2010 Migranten in Dortmund nach ihren kulturellen Affinitäten befragte, wünschten sich immerhin 57 Prozent der Befragten mehr Konzerte mit Musik aus ihrer Herkunftsregion bzw. der ihrer Eltern. 4

Auch separate Infrastrukturen des Musiklebens sind in diesem Zusammenhang in Deutschland entstanden, etwa privatwirtschaftliche Musikschulen, die ganz der Herkunftskultur verpflichtet sind 5, Kursangebote für afrikanisches oder südamerikanisches Trommeln, Geschäfte mit Musikinstrumenten vor allem der türkischen und afrikanischen Kulturräume sowie Läden, die in erster Linie Lebensmittel einer bestimmten Region anbieten und neben diesen auch Tonträger mit deren Musik. 6 So wachsen Kinder von Migranten in einem Nebeneinander von Kulturen und in entstehenden Mischkulturen auf. Auch in der dritten und vierten Generation sind dabei nicht nur kulturelle Anpassung und hybride Kulturformen, sondern nach wie vor auch eine Selbstvergewisserung in Herkunftskulturen zu beobachten.

Musikalische Arbeit mit Flüchtlingen

In der kulturellen Integrationsarbeit mit Flüchtlingen treffen sich Gastgeber- und Herkunftskulturen. Der Kölner Willkommenschor ist Ort der Begegnung für Flüchtlinge, Anwohner*innen und Musikinteressierte, um gemeinsam zu singen. Hier das 2015 gegründete Ensemble bei der Generalprobe für seinen Auftritt zum Festival Acht Brücken. (Foto: Kölner Willkommenschor)

Als 2015/16 die großen Zahlen von Flüchtlingen neue Situationen in der Aufnahmegesellschaft schufen, sahen sich die staatlichen Strukturen zunächst überfordert. In der Versorgung mit dem Nötigsten war für das kulturelle Aufeinander zugehen kein Platz. Dennoch war (und ist) ehrenamtliches Engagement willkommen, und es hat sich bis heute vielerorts in einem bemerkenswerten Ausmaß gezeigt. In der kulturellen Integrationsarbeit mit Flüchtlingen begegnen sich die Gastgeberkultur und die Herkunftskulturen der Flüchtlinge, es trifft aber auch die Kultur des bürgerschaftlichen Engagements auf die Organisationsstrukturen von kommunalen Behörden und Sozialträgern.

Das geht nicht immer reibungslos vonstatten. Die ehrenamtlichen Kräfte aus Musikvereinen, Chören, Künstlerinitiativen und Fördervereinen von Bildungseinrichtungen starteten im Herbst 2015 überwiegend  mit Elan und mit Projektkonzepten, die in der Regel auf die Situation von festen Räumlichkeiten und beständigen Zielgruppen ausgerichtet waren. Mit ihren Angeboten stießen die Projektdurchführenden jedoch auf Organisatoren der Unterkünfte, die – eingesetzt von Sozialträgern, von Landes- oder kommunalen Dienststellen – mit zu hohen Belegungszahlen, zu wenigen Dolmetschern, ethnischen Konflikten unter den Flüchtlingen und einer Fülle von Koordinationsproblemen zu kämpfen hatten. Und während sie im Halbstundentakt Flüchtlinge, die etwa zu einer Gesundheitsuntersuchung erwartet wurden, in der Unterkunft suchten, instruierten und losschickten, standen mit einem Mal zwei oder drei Ehrenamtliche vor ihnen, die einen Raum und ein Dutzend musikaffiner Flüchtlinge erbaten, um mit diesen zu trommeln. Nicht immer fanden hier die Sichtweisen zueinander.

Doch meist gelang ein erster Schritt. Ein Raum – möglichst weit ab vom Geschehen – wurde aufgetan, beispielsweise ein Dutzend Bongos und Congas in die Unterkunft transportiert, Flüchtlinge gewonnen und schon klangen erste Rhythmen durch das Gelände. Die Projektdurchführenden sahen sich durch fröhliche Gesichter der Teilnehmenden belohnt. Neben Drumcircle-Angeboten kamen auch Aktionen des Singens mit Kindern, des Instrumente-Findens, -Bastelns, -Spielens und vieles mehr in Unterkünfte, und es entwickelten sich künstlerische Aktionen, die zumindest als Möglichkeiten der kulturellen Artikulation für Flüchtlinge von großem Wert waren, oft auch sprachfördernd wirkten und Gruppenzusammenhalt schufen.

Motiviert kamen die meisten der Projektdurchführenden in der darauffolgenden Woche wieder. Doch die Ansprechpartnerin des Sozialträgers war inzwischen anderswo eingesetzt und die Vertreterin nicht instruiert, der Trommelraum zur Impfstätte geworden und das Hiphop-Projekt auf Null zurückgeworfen, weil zwar drei Flüchtlinge neugierig warteten, doch keiner aus der ersten Stunde wiedergekommen war ... Die Zusammenarbeit zwischen den ehrenamtlichen Kulturakteuren und den Mitarbeitern der Sozialträger musste fast ebenso mühevoll wachsen wie die Kommunikationsmöglichkeiten zwischen den Gastgeber- und Herkunftskulturen.

Grenzen des Engagements

Sprachförderung in der Aachener Musikschule Music Loft e.V.: Kinder aus verschiedenen Herkunftsländern lernen gemeinsam Deutsch durch Bewegungslieder, kleine Tänze und rhythmische Spiele. Die Leichtigkeit der Situation eröffnet einen unmittelbaren Zugang zur Sprache. (Foto: Landesmusikrat NRW)

In vielen der Flüchtlingsunterkünfte von 2015/16 waren praktische Musikprojekte zudem kaum möglich, weil es sich um Turnhallen mit nur wenigen separaten Räumen und allenfalls einigen Bürocontainern auf dem Schulhof handelte. Deshalb wurden Flüchtlinge eingeladen, in Häuser außerhalb der Unterkunft zu kommen: Musikschulen, Bürgerhäuser, soziokulturelle Zentren etc. Die Träger der Unterkünfte unterstützten das in aller Regel, schonte es doch die eigenen Ressourcen und trug dem Umstand Rechnung, dass vielen Flüchtlingen in der Unterkunft nach wochenlangem Warten „das Dach auf den Kopf fiel“. Doch die Kontinuität der Teilnehmergruppen war an externen Orten noch geringer. Die „Terminkultur“ wies oft ein abweichendes Verständnis in den Herkunftskulturen auf, zumal Projekttermine bei Kollisionen mit behördlichen Terminen stets unterlagen. Auch die Wegstrecken stellten unerwartet hohe Hindernisse dar.

Weitere kulturelle Missverständnisse lagen auch darin, dass Projekte mit Kindern und Jugendlichen wie überall in der Welt auf das Einverständnis der Eltern angewiesen sind. Es konnte aufbauend für die Ehrenamtlichen sein, wie bereitwillig und geradezu dankbar die meisten Eltern ihre Töchter und Söhne den Projekten übergaben, ohne genau zu wissen, was genau da getrommelt, gesungen, gerapt und getanzt würde. Und es konnte verstörend sein, wenn dieselben Eltern erbost reagierten, sollte der Bewegungsanteil der Musikprojekte ein Berührungsverbot zwischen Mädchen und Jungen unterlaufen, das in der jeweiligen Kultur von größter Bedeutung war – nur eine der vielen geschlechtlichen, familiären und ethnischen Schranken, von denen die Projektdurchführenden zuvor allenfalls ungefähr wussten und die in die Projektkonzepte erst nach und nach Eingang fanden.

Anders verläuft das Singen und Musizieren in Vorbereitungsklassen oder Sprachkursen. Die Pädagoginnen und Pädagogen finden in Grund- und weiterführenden Schulen bis hin zu Berufsschulen Klassenverbände vor, auch wenn die konkreten Gegebenheiten je nach Bundesland und Stadt abweichen. Das Singen in Vorbereitungsklassen setzt zumeist Lieder mit deutschen Texten ein, die auf Begriffe des Alltags, auf Tages- und Jahreszeiten, auf Zahlen, Farben, Tiere, etc. Bezug nehmen. Die unterstützende Wirkung für den Spracherwerb ist bemerkenswert. Auch in Sprachkursen führt das Singen zu einer intensiveren Aufmerksamkeit, zu Gemeinschaftsgefühl durch gemeinsame Artikulation und zu einer entspannten Physis, die dem Lernen zuträglich ist. Letzteres gilt auch für Musikangebote an allgemein bildenden Schulen, wie z.B. Drumcircles oder instrumentalen Gruppenunterricht. Dass die Rahmenbedingungen für regelmäßigere Teilnahme und damit höhere Kontinuität sorgen, nutzt allen Beteiligten.

Viele Projekte ermöglichen es Flüchtlingen, musikalisch ihre eigene Geschichte zu erzählen. Hiphop-orientierte Performances, in denen man die eigene Flucht schildern kann, Musiktheater, das alle Mitwirkenden in die Entwicklung der Inszenierung einbezieht, und Videoprojekte, die wie persönliche Visitenkarten funktionieren, sind Formate, die erfolgreich kulturelle Artikulation ermöglichen und Integration erleichtern.

Beispielhafte Förderprogramme

Oud-Ensemble und Chor der Fördergesellschaft Integration und Kultur in Essen. Hier musizieren u. a. Teilnehmer aus Syrien und dem Irak. (Foto: Landesmusikrat NRW)

In Nordrhein-Westfalen begann der Landesmusikrat NRW im Herbst 2015 ehrenamtliche Projekte von Musikvereinen, Chören und Künstlerinitiativen zu fördern. Die Mittel stellte das damalige Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport NRW (seit Sommer 2017 Ministerium für Kultur und Wissenschaft) zur Verfügung. Bis Ende 2017 sind etwa 150 Projekte mit dieser Förderung an den Start gegangen. Blieb anfangs noch ein signifikanter Anteil hinter dem Förderziel oder den selbst gesteckten Erwartungen zurück, erhöhte sich dieser Anteil durch verbesserte Konzepte und verbesserte Zusammenarbeit mit den Sozialträgern im Jahr 2017 wesentlich.

Groß ist auch das Engagement der Musikschulen. Die Musikschule Bochum begann bereits im Herbst 2014 mit Flüchtlingen zu musizieren, der Landesverband der Musikschulen in Nordrhein-Westfalen (LVdM NRW) nahm zum Jahr 2017 eine systematische Förderarbeit mit Landesmitteln auf. Er fördert sowohl frei gestaltete Projekte von Musikschulen als auch Vorhaben, die einem zuvor mit dem Kulturministerium entwickelten Projektdesign entsprachen und deshalb einem geringeren formalen Abrechnungsaufwand genügen. Ende 2017 konnte auch der LVdM NRW mehr als 150 geförderte Projekte zählen.

Hinzu kommen Integrationsprojekte der soziokulturellen Zentren mit starkem Musikbezug, die die LAG Soziokultur mit Landesmitteln oder der Fonds Soziokultur ermöglichten 7, Theaterprojekte mit Musik, die vom Landesbüro Freie Darstellende Künste NRW mit Landesmitteln gefördert werden 8, Förderprojekte des Regionalverbandes Ruhr 9 und mehr. In der Summe kristallisiert sich eine Projektlandschaft mit einer erstaunlichen Dichte quer durch Nordrhein-Westfalen heraus, die Schwerpunkte in den Großstädten aufweist. Wie breit das Spektrum ist und wie differenziert die Landschaft der Förderung und der Akteure, zeigt die Projektdatenbank „Musik und Integration“ des Deutschen Musikinformationszentrums, die laufend über entsprechende Initiativen informiert.

Hatten die Projektdurchführenden also spätestens Ende 2016 Tritt gefasst, sich mit den Rahmenbedingungen arrangiert oder diese sogar verbessert, so forderten die sich wandelnde Immigrationssituation und ein gesellschaftliches Umdenken auch eine Kursänderung von den Projekten. Die erste Generation der Willkommensprojekte wird kontinuierlich durch nachhaltiges Projektengagement abgelöst.

Seit 2016 schreiben Bund, Länder, Kommunen, Stiftungen und privatrechtliche Organisationen Fördermittel für Kulturprojekte mit Flüchtlingen aus. Die Ausschreibung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge für das Förderjahr 2019 wird voraussichtlich Ende des 2. Quartals 2018 veröffentlicht werden. Weitere passende Förderprogramme auf allen föderalen Ebenen lassen sich über die Rubrik „Projektförderung und Preise“ in diesem Portal oder auch über das Internet mit den Stichworten "Förderung Kulturprojekte mit Flüchtlingen" finden. Einzelne solcher Projekte würdigt die Kulturstaatsministerin der noch amtierenden Bundesregierung [Februar 2018] mit dem Sonderpreis "Kultur öffnet Welten". Dieser fokussiert auf herausragende kulturell-künstlerische Projekte, in denen neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Akteuren aus der Kultur mit Partnern aus anderen Bereichen wie Sport, Wirtschaft, religiösen Gemeinschaften oder der Zivilgesellschaft erprobt werden.

Allerdings gab es schon Kritik am Wirkungsgrad der öffentlichen Förderungen im Bereich der Flüchtlingshilfe. 2018 zeigte die Studie „Fördermittel in der Flüchtlingshilfe“ des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, dass viele Initiativen keinen Zugang zu den Fördermitteln haben, etwa weil sie nicht als gemeinnütziger Verein eingetragen sind, was von manchen Förderern gefordert wird. Auch wollen viele öffentliche Förderung nicht in Anspruch nehmen, weil ihnen der formale Aufwand zu groß ist. Die Studie empfiehlt daher den Förderern, lokale Bedarfe besser zu identifizieren, die Unabhängigkeit der Projektdurchführenden anzuerkennen, weniger bürokratische Förderverfahren und geringere Vorgaben für die Vergabe von Mitteln anzusetzen und schließlich auch Fördermittel für bereits laufende Aktivitäten bereitzustellen.

Nachhaltige Projektarbeit

Was unterscheidet nachhaltige musikbezogene Integrationsarbeit von einem Musikprojekt der Willkommenskultur? Nachhaltige Integrationsarbeit vermittelt alltagswirksame Kompetenzen durch Musik, sie kann langfristig Hemmungen und traumatische Blockaden lösen, sie beansprucht konstante Rahmenbedingungen, sie zielt auf kontinuierlich teilhabende Flüchtlingsgruppen, erfordert Beharrlichkeit von den ehrenamtlichen Akteuren und – prosaisch formuliert – sie dauert länger und ist teurer. Auch ehrenamtliche Arbeit ist dann vermehrt auf Ressourcen und auf Planungssicherheit angewiesen. Dauerhafte Infrastrukturen müssen entstehen, Räume gefunden, Musikinstrumente angemietet oder beschafft werden.

Von besonderer Bedeutung für nachhaltige Arbeit sind auch Investitionen und Anschaffungen – welche die Kulturförderung im Allgemeinen scheut. Doch um im Beispiel Nordrhein-Westfalen zu bleiben: Das Land stellte in den Jahren 2016 und 2017 Fördermittel zur Verfügung, aus denen Musikvereine und Musikschulen Instrumente beschaffen, soziokulturelle Zentren Displays für mehrsprachige Texte und Übersetzerkabinen einbauen konnten und Bühnen ihre interkulturelle Zugänglichkeit verbessern konnten. Über den Landesmusikrat konnten auch zweijährige Förderungen für Projekte mit Flüchtlingen im Musikleben gewährt werden. Die Antragsteller ändern ihre Konzepte, fokussieren auf die Projektinfrastruktur und auf feststehende Gruppen. Musikprojekte zur Unterstützung des Spracherwerbs etwa liefern eindrucksvolle Ergebnisse. 10

Fortbildung, Qualifizierung und Vermittlung immigrierter Musiker

Das Training „Mit Musik Gemeinschaft erleben“ wurde von der Landesmusikakademie NRW für Musiker*innen und Musikpädagog*innen entwickelt, die zur sozialen Integration von Geflüchteten und Migrant*innen in Deutschland beitragen möchten. (Foto: Volker Beushausen)

Mit dieser Verschiebung in Richtung nachhaltige Projektarbeit gingen neue Anforderungen an Einrichtungen der Fort- und Weiterbildung einher. Der Bedarf an Kompetenzvermittlung in Bezug auf Arbeit mit sehr heterogenen Gruppen, auf den Umgang mit Traumata und mit importierten Konflikten innerhalb der Flüchtlingsgruppen, auf Netzwerkbildung der Akteure und auf vieles mehr war offensichtlich. Die Landesmusikakademie NRW und der Landesverband der Musikschulen in NRW entwickelten 2017 passende Fortbildungsangebote. In Niedersachsen starteten die Landesregierung und die Bertelsmann-Stiftung 2016 die Fortbildungsinitiative „Musik, Sprache, Teilhabe“ für pädagogische Fachkräfte zur Förderung des Spracherwerbs über das Medium der Musik. Lehrkräfte aller Schulformen, pädagogische Fachkräfte im Ganztag und in Kindertagesstätten sowie Quereinsteigende in den Schuldienst erhalten eine musikalische Qualifizierung, um den Flüchtlingen den Spracherwerb durch Musik zu erleichtern. 11

Mit den Flüchtlingen kommen auch hervorragend ausgebildete Musiker ins Land, ein wertvolles Potenzial für das deutsche Musikleben, aber auch für die musikalische Integrationsarbeit. Hat man Musikerinnen und Musiker unter den Angekommenen erkannt, kann man sie als Assistenten und Helfer in die Projekte bitten und ihre Sprach- und Vermittlungskompetenz nutzen. Wie aber findet man sie? Nordrhein-Westfalen tat sich bislang schwer, ein systematisches Vorgehen in Bezug auf ankommende professionelle Musiker zu entwickeln. In Niedersachsen bauten das Ministerium für Wissenschaft und Kultur und die Musikland Niedersachsen gGmbH die Initiative „Welcome Board“ als Anlauf- und Vermittlungsstelle für geflüchtete Musiker auf. Die Initiative gestaltet Begegnungsräume und berät Institutionen, die sich stärker gegenüber Musik und Menschen aus anderen Ländern öffnen möchten. Sie sucht aktive Musiker unter den Geflüchteten und vermittelt sie an Einrichtungen, zu denen ihre musikalische Kompetenz passt. Sie unterstützt auch bei der Suche nach Proberäumen und Konzertforen. 12 Seit 2015 hat das Welcome Board etwa 140 geflüchtete Musikerinnen und Musiker in niedersächsische Netzwerke eingebracht. 2018 sollen Konzeptänderungen die Verpflichtung gegenüber dem „Willkommen“ zugunsten der Betonung der Nachhaltigkeit hintenanstellen.

Projektbeispiele

Musikworkshops in Flüchtlingsheimen

Im Herbst 2015 begann die Harfenistin Susanne Heutling sich zusammen mit ihrem Mann, einem Violinisten der Berliner Philharmoniker, in Berliner Flüchtlingsheimen zu engagieren. Zunächst gaben sie als Duo kleine Konzerte, um Abwechslung in die Unterkünfte zu bringen und gleichzeitig musikalische Affinität auszuloten. Dann gewannen sie Flüchtlinge für Workshops, beginnend mit einer Turnhallenunterkunft in ihrem Wohnort Dahlem. Das Instrument Harfe löste vor allem bei Kindern große Begeisterung aus, diese berührten den ausladenden Klangkörper und ließen sich mit ihm fotografieren. Daran knüpfte das Paar mit den Workshops an. Für ein Projekt in Berlin-Kladow stellte die Education-Abteilung der Berliner Philharmoniker gleich sieben Harfen zur Verfügung. Auffallend findet Susanne Heutling die seelische, geradezu therapeutische Wirkung des Spiels an der Harfe auf die Kinder. 13

Singen mit Geflüchteten

Die Kölner Musikpädagogin Ursula Kerkmann singt mit heterogenen Gruppen an Schulen und seit 2015 mit Vorbereitungsklassen. Träger sind teils die Rheinische Musikschule, teils die Helmut-Behn-Stiftung Köln. Für diesen Verein organisiert Koordinatorin Beate Glombek sechs bis zehn Musikprojekte mit Flüchtlingen jährlich. Kerkmann fördert Kinder mit geringen oder keinen Deutschkenntnissen mit einem in der Praxis fortlaufend entwickelten Konzept. Durch Singen erleben junge Flüchtlinge, die in einer permanenten Sprachenvielfalt leben, dass die anderen Flüchtlinge, die sie oft nicht verstehen können, mit ihnen zu einer Singgemeinschaft werden. Allein schon diese Identitätsstiftung erleichtert den Zugang zur neuen Sprache, das Spielerische in den Methodiken der Singstunden tut das seine. Die verwendeten Lieder sind schlicht und lautmalerisch gehalten, um Erfolgs- und Gemeinschaftserlebnisse schon in den ersten Stunden zu ermöglichen. Sie werden auch in den anderen Schulklassen angestimmt. Umso größer ist der Effekt auf die Flüchtlinge, wenn im schulischen Rahmen zusammen gesungen wird. Kerkmann setzt auf Liedtexte mit klaren, alltagsbezogenen Inhalten. Gesten, Bewegungen, Tänze, Spiele und Anschauungsmaterialien verdeutlichen Begriffe für Körperteile, Gegenstände und komplexere Inhalte. 14

Video

Die Initiative „No border – future me“ ist ein Gemeinschaftsprojekt von SJD-Die Falken, dem soziokulturellen Zentrum Zakk und der Flüchtlingsinitiative Stay! in Düsseldorf. Ziel ist es, junge Flüchtlinge aus der Isolation zu holen, ihre Geschichten zu erzählen und ihnen das Gefühl zu vermitteln, willkommen zu sein – am Ende vielleicht sogar als fester Teil der Düsseldorfer Musikszene.

Ensembles mit Flüchtlingen

Im Rahmen des jährlichen Ruhrfestivals „Extraschicht“ bot eine „Nacht der Poesie“ 2016 im Kultur- und Stadthistorischen Museum Duisburg Einwanderungskulturen ein Forum, in dem die World Africa Initiative, das Junge Ensemble Ruhr und das Allerwelt-Ensemble Duisburg mit zehn Geflüchteten aus Syrien, Nigeria, Ghana, Namibia, dem Kongo, Bangladesch und Pakistan Lieder und Texte rund um die Frage „Was ist mir wichtig?“ präsentierten. Der Verein Arbeit und Leben Oberhausen (Barbara Kröger), eine Außenstelle des Deutschen Gewerkschaftsbunds und der Volkshochschule, führte zusammen mit dem Verein arts@works (Annegret Keller-Stegmann) das Projekt durch. Die Geflüchteten des Allerwelt-Ensembles Duisburg hatten eigene Lieder in die musikalische Arbeit mitgebracht, „Africa unite“ aus Nigeria, „C’est encore possible“ aus dem Kongo, „Me haces feliz“ aus Chile und „Hometown“ aus Namibia. Neue Lieder entstanden durch Improvisationen. In einer Textwerkstatt erarbeiteten Künstler, die schon lange als Migranten in der Bundesrepublik leben, mit Geflüchteten Werke von Dichtern verschiedener Herkunftskulturen, so Mahmoud Darwish, Kazi Nazrul Islam, Nazim Hikmet. Das Bühnenbild steuerte der Medienbunker Marxloh in Form von Projektionen bei.

Fazit

Obgleich die Bundesrepublik faktisch schon Jahrzehnte ein Einwanderungsland ist, können die Erfahrungen aus dem Umgang mit kultureller Vielfalt nicht unreflektiert auf die Projekte von Musik und Integration übertragen werden. Die Herausforderung einer migrationsgeprägten Gesellschaft besteht in der Herausbildung durchlässiger Strukturen im institutionalisierten Leben, der Erarbeitung einer Chancengleichheit inklusive einer gleichberechtigten Bildungsteilhabe sowie der Begegnung der Kulturen auf Augenhöhe. Bei einer Ankunft von Flüchtlingen in einer so großen Zahl, wie es 2015/2016 der Fall war, ist das bürgerschaftliche Engagement in Bezug auf Musik auf rudimentäre Aufgaben zurückgeworfen. Hier geht es zunächst um den Austausch von kulturellen Artikulationsformen, die jedem zur Verfügung stehen und welche die Selbstvergewisserung von Identitäten ermöglichen. Hinzu kommt die Indienststellung von musikalischem Tun zur Erleichterung des Spracherwerbs, damit eine Verständnisgrundlage wachsen kann. Dass dafür auch handwerkliche Regeln zu beachten sind, liegt auf der Hand. Die Erkenntnisse dazu sind in den vergangenen Jahren nicht zuletzt durch die Projektpraxis selbst enorm gewachsen – wesentliche Aspekte sind auf der Seite FAQ in diesem Portal zusammengefasst.

Über den Autor

Prof. Dr. Robert von Zahn ist seit 2005 Generalsekretär des Landesmusikrats NRW, der sich seit 2015 aktiv um eine kontiuierliche musikalische Arbeit mit Geflüchteten bemüht und bislang mehr als 150 Projekte in diesem Bereich gefördert und begleitet hat.

Stand des Beitrags: 23. Februar 2018