Qualifizierung in der musikalischen Integrationsarbeit

Fortbildungen spielen für Integrationsinitiativen inzwischen eine wichtige Rolle. Doch welche Inhalte sind relevant, welche Zielrichtungen und welchen Bedarf gibt es? Ein Einblick in den Stand der Qualifizierungsarbeit.

Von Antje Valentin

Haupt- und ehrenamtliche Akteure in Projekten mit Geflüchteten begegnen Herausforderungen auf vielen Ebenen: kommunikativen und pädagogischen ebenso wie musikalischen und kulturellen, aber auch organisatorischen, finanziellen, räumlichen und persönlichen. Diese Herausforderungen und ihre Bewältigung können durch Fortbildungen begleitet und unterstützt werden. Eine zusätzliche Hilfe bieten Austauschforen und Workshops, in denen ein ständig wachsender Erfahrungs- und Wissensschatz aus erfolgreichen wie auch weniger erfolgreichen Projekten verbreitet wird.

Auch in den Bundes- und Landesmusikakademien spielen Fortbildungen im Kontext von Integration, Flüchtlingsarbeit und Begegnung mit anderen Kulturen inzwischen eine bedeutende Rolle. Nachdem in der Praxis und den zahlreichen sich rasch entwickelnden Musikprojekten ein großer Qualifizierungsbedarf entstanden ist, sind mittlerweile vielerorts entsprechende Angebote in dieser Richtung entwickelt worden – an der Landesmusikakademie NRW etwa durch einen eigenen Projektreferenten, der Fortbildungen für Aktive in Flüchtlingsprojekten aufbaut. Tagesworkshops und Austauschmöglichkeiten, meist in den Ballungsgebieten in Nordrhein-Westfalen, thematisieren den Umgang mit kulturell verschiedenartig geprägten Menschen sowie die Einarbeitung in musikpädagogische Methoden und Ansätze, die Experimentierfähigkeit und musikalisch-menschliche Flexibilität fördern. Auch der Einsatz an höchst ungewohnten Orten wie Erstaufnahmestellen oder Gruppenquartieren mit sehr unüblichen Konstellationen von Teilnehmenden sind Gegenstand dieser Angebote, ebenso das Anliegen, Musik als Mittel zur Begegnung, zum Schaffen gemeinsamer Erfahrung und zur Vertrauensbildung im Rahmen neuer Gruppenzusammensetzungen zu nutzen. Zudem wird Hintergrundwissen über Fluchtgründe, Traumata, Asylgesetze, Musiksysteme anderer Kulturen, Sozialträger und Sozialgesetzgebung für Musiker*innen vermittelt.

Akteure in diesem Feld sind zahlreiche Ehrenamtliche, aber auch Künstler*innen und Pädagog*innen aus diversen Kontexten. Oft engagieren sich unter ihnen auch Musiker*innen mit Migrationshintergrund oder eigener Fluchterfahrung. Doch welche Inhalte sind für ihre Arbeit relevant, welche Zielrichtungen verfolgen Fortbildungen speziell für diese Akteure, welchen Bedarf gibt es, und wie wird er durch die Fortbildungseinrichtungen aufgegriffen?

Geflüchtete in Deutschland sind keine homogene Gruppe, sondern Menschen, die mit unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen hierhergekommen sind. Die Stadien des Ankommens bewegen sich zwischen dem Aufenthalt in einer Erstaufnahmestelle, einem Asylantrag in Bearbeitung, gewährter Duldung oder Aufenthaltserlaubnis bis hin zu dem Gefühl, endlich eine neue Heimat gefunden zu haben. Für all diese Etappen gibt es derzeit musikalische Projekte, die auf die Besonderheiten der jeweiligen Situation Bezug und Rücksicht nehmen. Dies zu begleiten und den Anbietern praxisbezogene Erfahrungen zu vermitteln, ist eine wesentliche Aufgabe von Fort- und Weiterbildungen. Eine Übersicht aktueller Angebote stellt das Deutsche Musikinformationszentrum auf der Seite http://www.miz.org/kurse-kongresse.html zur Verfügung.

Musikalische Willkommensangebote

Das Projekt MitMachMusik in Berlin und Potsdam: Professionelle Musiker besuchen Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung in ihren Unterkünften. Der Musikunterricht ermöglicht einen sicheren, stabilen und vertrauten Rahmen für das gegenseitige Kennenlernen. (Foto: Christophe Gateau)

Mit steigenden Asylbewerberzahlen in Deutschland wurden in jüngerer Zeit zahlreiche Musikprojekte unterschiedlicher Herangehensweisen insbesondere in Erstaufnahmeeinrichtungen und Flüchtlingsunterkünften angeboten. Hierbei wurden und werden täglich neue Erfahrungen in dem komplexen Zusammenspiel zwischen höchst heterogenen Zielgruppen mit diversen kulturellen Hintergründen und teilweise traumatischen Fluchterfahrungen sowie unterschiedlichsten strukturellen Gegebenheiten gemacht. Da nach wie vor Fluchtgründe existieren und Flüchtlinge Deutschland erreichen, gibt es auch weiterhin Willkommensprojekte.

Im Vordergrund solcher Angebote stehen meistens niedrigschwellige musikalische Aktionen, die auch bei unterschiedlichem sprachlichen Hintergrund gemeinsames Erleben und eine vertrauensvolle Atmosphäre ermöglichen, ohne dass musikalische Perfektion erwartet oder auch benötigt wird. Der Prozess gemeinsamen Agierens und die damit einhergehende Gruppenbildung, das Schaffen eines sicheren Rahmens über kulturelle Grenzen hinweg sind in diesem Zusammenhang ebenso maßgeblich wie eine eigene Form der Kommunikation.

Anleitende müssen sich ständig der Verschiedenheit, der sprachlichen Barrieren und der möglicherweise besonderen traumatischen Erfahrungen ihrer Mitwirkenden bewusst sein. Zudem müssen sie Verständnis für den ständigen Wechsel innerhalb der Gruppe aufbringen, da viele Geflüchtete Ortswechsel hinnehmen bzw. kurzfristig Amtstermine wahrnehmen müssen oder andere Gründe haben, nicht kontinuierlich bei den Treffen dabei zu sein. Gruppen müssen demnach mit einfachen verbalen Hinweisen organisiert werden; die Projektverantwortlichen benötigen ein Repertoire von spontan umsetzbaren musikalischen Aufgaben, die immer wieder flexibel der jeweiligen Situation angepasst werden können. Ziel ist es – analog zum Konzept der Community Music 1 –, dass alle Anwesenden sofort mitmachen können.

Entsprechende Trainings bieten aktuell die Landesmusikakademie NRW, die BDB Musikakademie Staufen und die niederländische Initiative „Musicians without Borders“. Inhalte dieser Fortbildungen sind u. a. elementare Musiziertechniken mit Singen, (Body)Percussion, musikalischen Spielen und notationslosen Arrangements, außerdem Techniken des gemeinsamen Musizierens ohne Sprache sowie Improvisation. Hinzu kommen Metathemen wie die Wahrnehmung von und der Umgang mit Traumata, Übungen zur Vertrauensbildung und Teamarbeit, Empathietraining und gewaltfreie Kommunikation. In den Trainings werden diese Themen nicht nur theoretisch behandelt, sondern aktiv erprobt und nach Möglichkeit in Praxissituationen umgesetzt. Die Fähigkeit, in diesen Situationen konstruktives Feedback zu geben und zu erhalten, wird dabei ständig geübt.

Diese Angebote richten sich an Amateur- sowie professionelle Musiker*innen. Damit eröffnet sich hier auch ein Betätigungsfeld für geflüchtete Musiker*innen, die in diesem Bereich tätig werden wollen. Bereits der gemeinsame Besuch von Fortbildungen durch einheimische und geflüchtete Musiker*innen führt zu vertieftem Verstehen und einer Begegnung auf fachlicher Ebene, die auch kulturelle Unterschiede deutlich werden lässt. Aktive, die Projekte in dem Feld der Willkommenskultur durchführen, benötigen ein hohes Maß an Selbstreflexion und sollten nach Möglichkeit mit einem Teampartner / einer Teampartnerin arbeiten, um sich gegenseitig zu stützen und Feedback zu geben. Ganz wesentlich für den Erfolg solcher Projekte sind die Haltung und die Person der Durchführenden. Wenn Impulse zum Musizieren gegeben werden, wenn die Einladung zum gemeinsamen musikalischen Erlebnis alle Mitglieder der Gruppe mitnehmen soll, werden eine klare Körpersprache, eine deutliche emotionale Zugewandtheit und ein authentisches und überzeugendes musikalisches Konzept notwendig. Diese Fähigkeiten sind Ziel der oben genannten Fortbildungsangebote.

Da gerade Musik starke emotionale Reaktionen hervorbringen kann und dadurch ggf. Traumata berührt oder Flashbacks erzeugt werden können, sind Fortbildungen im Bereich Musiktherapie / Traumatherapie von großer Bedeutung. Projektverantwortliche sind jedoch häufig in diesem Bereich nicht geschult, sodass es umso wichtiger ist, den Aktiven praktische Hinweise für den Umgang mit entsprechenden Situationen zu vermitteln. Es geht sowohl um die Wahrnehmung und richtige Einordnung möglicher traumatisch bedingter Geschehnisse als auch um für therapeutische Laien umsetzbare erste Hilfsmaßnahmen. Wichtig für Akteure ohne therapeutische Ausbildung ist es, zu erkennen, wann professionelle Hilfe notwendig wird.

Die Landesmusikakademie NRW und der Landesverband der Musikschulen in NRW haben aus diesem Grund Fortbildungen zum Thema traumasensibles Musizieren initiiert. Dieses Feld der Fortbildung, auf das inzwischen auch Fachverbände wie die Deutsche Stiftung Musiktherapie Bezug nehmen, ist ein zunehmend wichtiger Bereich für Musiktherapeut*innen. Zudem gehört professionelle Musiktherapie in vielen Psychiatrien und ambulanten Behandlungszentren zum Behandlungsplan für Geflüchtete mit Traumafolgeerscheinungen. Fachtagungen des Bundesweiten Arbeitskreises Musiktherapie an Musikschulen (BAMMS) richten sich thematisch ebenfalls an die therapeutische und die projektbezogene Arbeit mit Geflüchteten.

Auch das Bewusstsein für verschiedene Herkunftskulturen und damit verbundene Umgangsweisen, Sitten und Gebräuche ist bei Willkommensprojekten notwendig und hilfreich. Für den Kontakt mit Menschen unterschiedlicher Herkunft ist es wichtig, kulturspezifische Besonderheiten wie Formen der Begegnung, der Begrüßung, des Gesprächs und der Annäherung (gerade auch zwischen den Geschlechtern) zu kennen. Hierzu hat etwa die Arbeitsstelle Kulturelle Bildung NRW interkulturelle Trainings angeboten, die inhaltlich auf die Aspekte Umgang mit Vorurteilen, Anregung von Austausch und Miteinander und die Entwicklung von Fähigkeiten, eine andere Perspektive einzunehmen, konzentriert waren.

Langfristige Programme und Ensemblebildung

Interkulturelles Orchester Göttingen: Hier musizieren seit 2013 Menschen mit Migrationshintergrund. (Foto: Kulturzentrum musa)

Zunehmend entstehen Projekte und langfristig angelegte Programme, die auf Integration und kulturelle Teilhabe abzielen. So können sich Geflüchtete entscheiden, das Instrument, das sie schon vor ihrer Flucht gespielt haben, an einer Musikschule oder in einem Musikverein weiter zu lernen oder mit dem Spielen eines neuen Instruments zu beginnen, in Bands oder Ensembles mitzuwirken oder auch in dem Chor weiter zu singen, der eigentlich für erste Begegnungen oder zur Förderung des Sprachenlernens initiiert wurde. Die Frage, ob jemand gerade geflüchtet ist oder schon länger hier lebt und seine Migrationsgeschichte mitbringt, tritt in diesem Kontext allmählich in den Hintergrund.

Wenn Kinder aus anderen Kulturen als Schüler*innen an eine Musikschule kommen, entstehen eigene Dynamiken in der Elternarbeit, die wesentlich durch interkulturelle Aspekte geprägt sind. Entsprechende Fortbildungen für Pädagogen*innen vermitteln methodische und kommunikative Kompetenzen zu diesem Themenkreis. Der Landesverband der Musikschulen in NRW und die Jugendmusikschule Hamburg haben hierzu auch Fortbildungen für Lehrkräfte angeboten, in denen das gerade im türkisch-arabischen Kulturraum vorherrschende Familienverständnis und daraus entstehende Herausforderungen für die Elternarbeit thematisiert worden sind. Wenn in einer Familie das Kollektiv im Vordergrund steht und nicht das Individuum, ist es für Lehrende äußerst hilfreich, sich dessen bei der Kommunikation mit Familienmitgliedern bewusst zu sein. Die Bedeutung der Familie, der Religion und des damit in Zusammenhang stehenden Wertekanons spielen eine große Rolle für die gelingende Mitwirkung von Familienmitgliedern im Unterricht oder im Ensemble. Lehrende können weitaus besser ihren Unterricht gestalten, wenn sie über diese kulturellen Hintergründe Bescheid wissen und sich – womöglich durch entsprechende Workshops geschult – in ihrer Kommunikationsweise darauf einstellen. Im Musikschulkongress 2017 wurde etwa ein eigener Workshop zu interkultureller Elternarbeit angeboten. Es ist stark anzunehmen, dass dieses Thema auch künftig Gegenstand von Fortbildungen im schulischen und musikschulischen Kontext sein wird.

Besonders die Mitwirkung in regelmäßig probenden Ensembles mit gemischter Besetzung kann die Freundschaft zwischen Neu- und Altbürger*innen befördern. Zunehmend versuchen nachhaltig zusammenarbeitende Ensembles ein Repertoire aufzubauen, das die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe der Mitwirkenden berücksichtigt. Hierdurch entwickeln sich ganz neue musikalische Mischungen, im besten Falle entstehen neue, hybride Musiken. Ein schönes Beispiel ist das Ensemble „You shall rise“, das 2015 mit 24 Ensemblemitgliedern aus zehn Nationen gegründet wurde.

Zugleich ist damit auch der Bedarf entstanden, mehr über die unterschiedlichen Musiksysteme und Musikpraktiken zu erfahren, sodass die Nachfrage nach Fortbildungen zu den Hintergründen anderer Musikkulturen wächst. Ergebnisse von Begegnungen unterschiedlicher Musikkulturen können enorme Lernprozesse sein. Die Herausforderung für Menschen aus dem türkisch-arabischen Raum, die Einstimmigkeit gewohnt sind, mehrstimmig zu singen, bzw. für westlich geprägte Musiker*innen, die komplexen Verzierungen und Rhythmen der orientalischen Einstimmigkeit nachzuvollziehen, bringt allen Mitwirkenden ganz neue musikalische Erfahrungen. Workshops in diesem Bereich bieten etwa die Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel und der Landesmusikrat NRW gemeinsam mit der Landesmusikakademie NRW im Projekt Brückenklang. Die Musik und die gemeinsame künstlerische Arbeit sind dann auch der Motor der betreffenden Ensembles. Gibt es das Ziel, ein Bühnenprogramm zu erarbeiten, treten Fragen der Herkunft in den Hintergrund. An Bedeutung gewinnen stattdessen Themen wie Konzertorganisation und die Entwicklung neuer Konzertformate sowie weitere in das Kulturmanagement hineinreichende Fragestellungen. Nach und nach sind so in den unterschiedlichsten Ensembles und Projekten ganz praxisrelevante Erfahrungen gemacht worden, die sich fortbildnerisch am besten in Austauschformaten verbreiten lassen. Entstanden sind daher Tagungen, offene Gesprächsforen und Stammtische zum musikalischen Zusammenwirken unterschiedlicher Kulturen. So bietet etwa die Schuhfabrik Ahlen die Reihe „One World – one stage“ als Plattform für unterschiedliche Klangkulturen sowie für geflüchtete Musiker*innen an. In insgesamt drei Konferenzen unter dem Titel „Refugee Citizen“ gingen wiederum die NRW Kultursekretariate den Gelingensbedingungen von Projekten unter verschiedenen Perspektiven nach.

Gleichzeitig hat sich durch das verstärkte Interesse an der Musikpraxis und Musiktheorie anderer Kulturen auch ein Tätigkeitsfeld für neu angekommene Musiker*innen entwickelt. Diese können ihr mitgebrachtes Wissen über ihre Herkunftskulturen und Musiksysteme weitergeben und damit ganz neue Impulse für musikalische Entwicklungen von Amateuren und Profis setzen.

Spracherwerb

Unterwegs.Chor Hildesheim: ein Ensemble mit ebenso vielen Deutschen wie Nicht-Deutschen. Gemeinsam erlernen die Sänger*innen Lieder aus ihren Ursprungsländern. (Foto: Joey Midori Hoerr)

Aktivitäten im Bereich Sprachausbildung und Sprachförderung, die musikalische Elemente einbeziehen, stellen einen eigenen Bereich in der Projektarbeit mit Geflüchteten dar. Zudem existieren bundesweit Chöre, die das gemeinsame Singen auf das Erlernen der deutschen Sprache fokussieren, aus deren Erfahrungen sich derzeit wiederum Fortbildungsangebote entwickeln. Beispiele hierfür sind der Kölner Willkommenschor und der Begegnungschor Berlin. Soll Musik jedoch genutzt werden, um positive und motivierende Lernerlebnisse zu schaffen, ist es eine wichtige Voraussetzung, entsprechende Ansätze für die unterschiedlichen Altersgruppen zu finden oder zu entwickeln. Es ist ein großer Unterschied, ob Kinder aufgrund besonderer Störungen und Traumata ganz grundsätzlich Schwierigkeiten mit dem Sprechen haben oder ob sie Deutsch als Zweitsprache schon in jungen Jahren quasi ganz nebenbei lernen. Eine wieder andere Situation liegt vor, wenn Jugendliche bereits in ihrer Muttersprache zuhause sind und nun die zweite oder dritte Sprache erwerben bzw. wenn Erwachsene ohne adäquate Schulbildung eine völlig fremde Sprache lernen müssen, um hier Fuß fassen zu können.

Für diese unterschiedlichen Ebenen des Spracherwerbs wurden verschiedene Methoden entwickelt, die sich Aktive in einer Vielzahl von Weiterbildungen aneignen können. Das Spektrum umfasst spezielle Qualifizierungen für Lehrkräfte an Grundschulen (Musikakademie Alteglofsheim: SPRING-Lehrgang), Angebote für Kita-Erzieher*innen sowie Lehrkräfte aus Willkommensklassen (Landesmusikakademie Berlin), Spracherwerbsförderung für Jugendliche (Musikschule Bochum) wie auch spezielle Konzepte zum Singen mit geflüchteten Kindern und berufsübergreifende Lehrgänge und Tagungen, etwa an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, an der Bundesakademie Wolfenbüttel, an der Landesakademie Ochsenhausen oder an der Landesmusikakademie NRW.

Geflüchtete mit Kulturberufen

Geflüchtete, die selbst eine professionelle musikalische Ausbildung genossen haben, leiten inzwischen vermehrt Workshops und Ensembles bzw. übernehmen diese Aufgabe zunächst assistierend. Ein schönes Beispiel hierzu ist das Ensemble Hamam Abbiad, das die Hagener Musikerin und Spezialistin für orientalische Musik, Maren Lueg, 2015 gemeinsam mit drei syrischen Musikern gegründet hat. Der Meister-Darbuka-Spieler Shadi Al Housh, der zu dem Ensemble gehört, entwickelt sich gerade zu einem Dozenten für Interpreten, die sich für orientalische Perkussion interessieren. Musikhochschulen haben geflüchtete Musiker*innen unterdessen auch unter ihren Studierenden – entweder als Studienwechsler aufgrund der Flucht aus dem Heimatland oder als neu Immatrikulierte, nachdem sie das jeweilige Eignungsfeststellungsverfahren der Hochschule erfolgreich absolviert haben. Zahlen zu Geflüchteten an den einschlägigen Ausbildungsinstituten können von der Rektorenkonferenz der Musikhochschulen in Deutschland derzeit nicht benannt werden. Einzelfälle geflüchteter Studierender, die ihr Musikstudium in Deutschland begonnen haben oder fortsetzen, sind jedoch bekannt.

Video

Das Ensemble Hamam Abbiad, im Dezember 2015 gegründet von der Hagener Musikerin Maren Lueg zusammen mit geflüchteten syrischen Musikern. Hamam Abbiad entwickeln Kompositionen, die orientalische und westliche Musik verbinden, und arrangieren traditionelle syrische Musik.

Für neu angekommene professionelle Musiker*innen existiert ein hoher Fortbildungs- und Austauschbedarf in den Bereichen Selbstmanagement, Netzwerkbildung sowie künstlerisch-pädagogische Anerkennung. Institutionen wie die Künstlersozialkasse (KSK), die Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsrechten (GVL), das Steuer- und das Sozialversicherungssystem sowie viele andere Zusammenhänge sind oft unbekannt. Gerade die Vielfalt und Vernetztheit der bundesdeutschen Musikszene mit ihren Verbänden und freien Akteuren ist für Neuankömmlinge schwer überschaubar. Es kann für Zuwanderer sehr hilfreich sein, die Struktur der Landesmusikräte und Musikverbände zu kennen, um Kontakte zu finden, Auskunft zu erhalten und Förderprogramme zu nutzen.

Benötigt werden daher qualifizierende Lehrgänge, Fortbildungen und Beratungsformate, um den oftmals hervorragend ausgebildeten Künstler*innen die Teilhabe am kulturellen Leben in Deutschland zu erleichtern. Dies wird bereits teilweise durch Stipendien oder kostenlose Angebote ermöglicht. Zu erwähnen sind in diesen Bereich die beiden Studiengänge musik.welt (Universität Hildesheim) sowie Weltmusik (Popakademie Mannheim), die sich bewusst Musiker*innen mit solchen Instrumenten öffnen, die an bundesdeutschen Musikhochschulen nicht studiert werden können.

Die niedersächsische Initiative „Welcome Board“ kümmert sich um Fortbildungen und Beratungen für Geflüchtete in Kulturberufen. Die NRW Kultursekretariate planen gemeinsam mit soziokulturellen Zentren in NRW Qualifizierungen im Bereich Selbstmanagement für Ensembles geflüchteter Künstler*innen. Ab September 2018 ist ferner der Zertifikatslehrgang Musikpädagogik für Musiker aus anderen Kulturen geplant, den die Landesmusikakademie NRW in Kooperation mit dem Institut für Weltmusik und transkulturelle Studien der Hochschule für Musik und Tanz Köln durchführt. Eine Neuauflage des berufsbegleitenden Lehrgangs Weltmusik an der Bundesakademie für musikalische Jugendbildung Trossingen ist schließlich für 2019 vorgesehen. Das Weiterbildungskonzept „DiKuBi – Diversitätsbewusste Kulturelle Bildung“ der Akademie der Kulturellen Bildung des Bundes und des Landes NRW thematisiert wiederum migrationsbedingte Diversität als Normalität in unserer Gesellschaft und betrachtet Vielfalt als Chance. Hier stehen Vermittlungskonzepte im Kontext ästhetischer Fragestellungen im Vordergrund.

Ausblick

Tagungen, Konferenzen und Austauschforen gewinnen als Fortbildungsformate und Vernetzungsaktivitäten eine große Rolle. Hier geben sich Aktive Impulse, erhalten Inspiration und stärken sich gegenseitig. Dies ermöglicht auch das Kennenlernen potenzieller neuer Ansprechpartner*innen (gerade unter den Neubürger*innen) und die Multiplikation gelungener Projekte und Programme. 2

Wünschenswert sind vermehrt mit Stipendien versehene Qualifizierungsangebote gerade für Musiker*innen und Musikpädagog*innen aus anderen Kulturen. Zudem sollten Fortbildungsmöglichkeiten im kulturellen Sektor grundsätzlich Diversität mitdenken: Ziel sollte es sein, dass Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte ganz selbstverständlich in Fort- und Weiterbildungen sowohl als Lehrende als auch als Teilnehmende eingebunden werden.

Eine interessante Wirkung haben die vielen neu entstandenen Musikprojekte und musikalischen Herausforderungen im Bereich der Musikpädagogik: Allem Anschein nach haben sie dafür gesorgt, dass es auch vermehrt zu Symposien, Forschungsprojekten und Promotionen gekommen ist, die sich diesen Einsatzfeldern von Musik widmen. Jene Ebene der Musik, die mit musikalischen Aktionen und Projekten gesellschaftlich wirkt, Beziehungen zwischen Einzelnen und Gruppen positiv beeinflusst, andere Wahrnehmungskanäle gegenüber dem Fremden ermöglicht und somit zu einem anderen Miteinander führt, gewinnt an Bedeutung. Daraus resultieren eine wachsende Neugier gegenüber anderen Musikkulturen und Musiksystemen, die zunehmende Entdeckung der Community Music sowie die Entwicklung neuer Unterrichts- bzw. Musizierformen und damit verbundener methodischer Ansätze. Dieses zunehmende Bewusstsein zur Bedeutung von Kultur und insbesondere Musik für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist ermutigend. Klug eingesetzt stärkt sie letztendlich nicht nur die Integration Zugewanderter, sondern die gesamte Kulturszene. 3

Über die Autorin

Antje Valentin ist Direktorin der Landesmusikakademie NRW, nachdem sie langjährig an der Landesmusikakademie Berlin als stellvertretende Leiterin tätig war. In dieser Zeit wirkte sie in verschiedenen Musikverbänden wie dem Landesmusikrat Berlin, der Jeunesses Musicales Berlin und dem DTKV Berlin.

  • 1 Community Music bezeichnet einen wissenschaftlichen und praktischen Diskurs, der sich seit Jahrzehnten insbesondere im angelsächsischen Ausland entwickelt hat. Sie spielt sich auf lokaler Ebene in Kunstzentren, Schulen, Gefängnissen, gesundheitlichen Einrichtungen, religiösen Orten, Musikfestivals, auf der Straße und in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen ab. Community-Musiker*innen legen Wert auf aktive Teilnahme, Kontextsensibilität, Chancengleichheit und die Hingabe für Verschiedenartigkeit. Die Anschauung, dass jeder sowohl das Recht als auch die Fähigkeit hat, seine eigene Musik zu gestalten und Freunde an ihr zu haben, steht im Vordergrund. Somit sind Konzepte wie Partizipation, Teilhabe, Wertschätzung und Bezug zur Lebenswelt der Musizierenden leitend für die Community Music. Siehe auch: http://www.communitymusic.musikpaedagogik.uni-muenchen.de/community_music/index.html (letzter Zugriff: 14. Februar 2018).
  • 2 Landesverband der Musikschulen in NRW: landesweite Tagung im Romaneum Neuss am 16.02.2018; NRW Kultursekretariate und Akademie der Kulturellen Bildung des Bundes und des Landes NRW: Refugee Citizens Tagungen; Landesmusikakademie NRW: Expertentagung zu Künsten und sozialer Inklusion (letzter Zugriff: 20. Februar 2018).
  • 3 Über "Musik als Integrationshelfer für Flüchtlinge" und den damit verbundenen Bedarf an Fortbildungen spricht Antje Valentin in einem Beitrag auf WDR 3 vom 1. August 2017. Er ist abrufbar unter dem Link https://www1.wdr.de/kultur/musik/landesmusikadademie-projekte-fluechtlinge-100.html.

Stand des Beitrags: 14. Februar 2018