Qualifizierungsmaßnahme für geflüchtete Musiker*innen

Im Frühjahr 2018 startete in Bochum, Hagen und Unna ein Pilotprojekt für geflüchtete Musiker und Musikerinnen. In Workshops und Qualifizierungskursen wurden den Teilnehmer*innen wertvolle Tipps an die Hand gegeben, um sich als selbstständige Künstler*innen in Deutschland zurecht zu finden. Durchgeführt wurde das Projekt vom NRW KULTURsekretariat (NRWKS), in Verbindung mit dem Kultursekretariat NRW Gütersloh, gefördert durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW

„Es geht letztlich darum, dass die geflüchteten Musikerinnen und Musiker ein besseres Verständnis für die westliche Musik entwickeln.“, erklärt Maren Lueg. Sie hat die Musikgruppe in Hagen geleitet, bei der sie mit bis zu 15 Musiker*innen aus Syrien zusammengearbeitet hat. Dabei ging es darum, in wöchentlichen Praxiseinheiten die Unterschiede zwischen dem arabischen und dem europäischen Musiksystem zu verdeutlichen: „Nicht alle waren mit dem Notensystem hierzulande vertraut. Es ist aber natürlich sehr wichtig, das zu kennen, damit man überhaupt mit deutschen Musiker*innen zusammen Musik machen kann.“

Orientierung im Bürokratie-Dschungel

Musizieren und Organisieren: Für die Teilnehmer der Qualifizierungsangebote standen künstlerische, wirtschaftliche und rechtliche Aspekte im Fokus. (Foto: NRW Kultursekretariat / Susanne Meinel)

Das Pilotprojekt fand zwischen April und August in Hagen, Bochum und Unna statt. Es wendete sich speziell an Musiker*innen, die in Deutschland arbeiten und Konzerte spielen wollen. Denn zum Teil gelten hierzulande ganz andere und wesentlich kompliziertere Bedingungen als in ihren Herkunftsländern. Zu den Fortbildungsmaßnahmen gehörten entsprechend Inhalte, die sich mit der künstlerischen Selbstständigkeit befassen: zum Beispiel GEMA-Anmeldungen, die Künstlersozialkasse oder das deutsche Vertragswesen und Steuerrecht. „Neben der musikalischen Arbeit wollten wir die Musiker*innen auf den deutschen Musikmarkt vorbereiten.“, bringt Dr. Christian Esch, Direktor des NRWKS, das Ziel der Maßnahme auf den Punkt. Susanne Meinel betreute das Pilotprojekt für das NRW KULTURsekretariat, das die federführende Organisation innehatte. An zwei Wochenenden wurden die Musiker*innen zusätzlich zu den Musikworkshops in Blockseminaren von Dozenten zu den jeweiligen Fachthemen geschult. Christian Esch: „Das kann ein Anstoß sein. Den Weg zur Selbstständigkeit muss aber jeder und jede am Ende selbst gehen. Die Teilnehmenden haben Zertifikate erhalten, außerdem wurden beim Abschlusskonzert Videoclips erstellt. Beide Bausteine helfen ihnen hoffentlich auf ihrem weiteren Weg bei der Selbstvermarktung.“

Erfolgreiche Mundpropaganda

Die Resonanz bei den Musiker*innen war sehr gut, erzählt Maren Lueg: „Während das Pilotprojekt schon lief, kamen immer mehr syrische Interessenten zu meinem wöchentlichen Ensembleworkshop. Am Ende waren es bis zu 15 Teilnehmer*innen pro Sitzung.“ Doch während sich das Angebot von Maren Lueg unter den syrischen Musiker*innen schnell herumsprach, lief es in Unna und Bochum etwas schleppend: Drei bis vier Musiker*innen kamen hier zu den regelmäßigen Workshops. Die Ansprache potentieller Interessenten durch ausliegende Flyer in Flüchtlingseinrichtungen und Musikschulen war nur in Teilen effektiv; dagegen klappte die Ansprache vor allem über soziale Netzwerke wie WhatsApp und Facebook. Hier informierten sich Musiker und Musikerinnen untereinander über das Projekt und empfahlen es weiter.

Austausch mit Fachleuten

Maren Lueg konnte auch deshalb auf die individuellen Bedürfnisse der Teilnehmer*innen eingehen, weil sie sich bereits intensiv mit orientalischer Musik befasst hatte. So absolvierte sie ein Masterstudium auf der Ney-Flöte an der University of London und bietet seit über zehn Jahren Seminare für orientalische Musik an. Dieses Wissen war beim Pilotprojekt sehr hilfreich, und auch die Kommunikation in den Workshops lief recht reibungslos. „Ich habe die meiste Zeit auf deutsch gesprochen, denn viele der Teilnehmer*innen sind schon eine ganze Zeit in Deutschland. Wenn es dann doch mal komplizierter wurde, haben einzelne Teilnehmer*innen für die anderen ins Arabische übersetzt.“ In Unna und Bochum haben der in Essen lebende Santur-Spieler Kioomars Musayyebi und der in Soest beheimatete Oud-Spieler Sahbi Amara unterrichtet.

Langfristige Engagements

Gute Resonanz: In Hagen kamen bis zu 15 Teilnehmer*innen zu den Seminaren; auch in Bochum und Unna konnten sich Musiker und Musikerinnen fortbilden. (Foto: NRW Kultursekretariat / Susanne Meinel)

Zwar ist das Pilotprojekt im August 2018 ausgelaufen, doch aus dem viermonatigen Testlauf heraus haben sich Ensembles gegründet, die auch über das Projektende hinaus Bestand haben. Außerdem sind vier der Musiker zusammen mit Maren Lueg in das NRWedding Orchester aufgenommen worden und haben bereits erfolgreich Konzerte in Dortmund und im FFT Düsseldorf mitgespielt.

Ob und in welcher Form das Projekt weitergeführt wird, ist noch offen. „Ich könnte mir vorstellen, dass man das Projekt etwas öffnet und nicht nur auf geflüchtete Musiker und Musikerinnen beschränkt.“, sagt Maren Lueg. Sie wünscht sich, dass dieses wichtige Angebot auch anderen Musiker*innen zur Verfügung steht, die in Deutschland professionell Fuß fassen möchten.

Autor: René Gröger
Stand des Beitrags: 20. November 2018