Zufluchtsorte

Krieg – Flucht – Ankommen. Erfahrungen in Musiktherapie und Musikpädagogik

Eine Veranstaltung des Instituts für Musiktherapie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg unter Leitung von Prof. Karin Holzwarth in Kooperation mit der Deutschen Stiftung Musiktherapie, Rendsburg

Musiktherapie und Musikpädagogik stehen seit einigen Jahren verstärkt vor der Herausforderung, Menschen, die ihr Herkunftsland verlassen mussten, zu unterstützen und in der hiesigen Gesellschaft zu begleiten. Diese Prozesse haben im Bemühen um Nachhaltigkeit und gelingende Integration an Aktualität nichts eingebüßt. Am 6. und 7. September trafen sich rund 45 Fachleute und Interessierte zur Tagung „ZUFLUCHTSORTE. Krieg – Flucht – Ankommen. Erfahrungen in Musiktherapie und Musikpädagogik“ unter der Leitung von Karin Holzwarth. Das Institut für Musiktherapie hatte in Kooperation mit der Deutschen Stiftung Musiktherapie (DSM) in den holzvertäfelten Mendelssohn-Saal der Hochschule eingeladen. Dieser bot eine würdevolle Kulisse für den Erfahrungsaustausch und die Vorträge ausgewählter Expert*innen zum Thema. Angereist waren die Teilnehmenden u. a. aus Wien, Heidelberg, Mannheim und Berlin.

Die Tagung startete mit Musik: Das Ensemble Ali und Hossein mit Geige und Gitarre interpretierte mit Verve einige westliche Popsongs; Petra Schmidt wiederum entführte die Zuhörenden mit „HandPanDance“ in ferne Klangwelten. So war der Boden gut bereitet für das Tagungsthema.

Stabile Netzwerke erarbeiten

Klänge zur Eröffnung: Mit Popsongs stimmte das Ensemble Ali und Hossein auf die Tagung ein.

Der Bedarf, sich zu vernetzen und gut zusammenzustehen im Austausch über die Herausforderungen bei der Unterstützung von Menschen mit Fluchterfahrung sei besonders hoch, so Karin Holzwarth in ihren begrüßenden Worten zur Eröffnung gemeinsam mit Wolfgang Mahns von der DSM. Ihre Kollegin Julia Hoffmann, Musiktherapeutin, Traumapädagogin und Traumafachberaterin an der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg und in eigener Praxis ergänzte dies im gemeinsamen Vortrag um den Stellenwert der Selbstfürsorge von Helfer*innen. Die musikpädagogische und musiktherapeutische Arbeit mit Geflüchteten fordert oft ungewöhnliche professionelle Strategien ein. Der gewohnte Rahmen bewährter Vorgehensweisen muss nicht selten verlassen werden, sodass auch die unterstützende Person schnell in einen Sog geraten kann, der im schlimmsten Fall zum Burnout führt. Die beiden Musiktherapeutinnen berichteten von ihrem Angebot „Musik als natürliche Ressource“ mit Kindern einer Erstaufnahme im Grundschulalter, bei dem sie grundsätzlich zu zweit arbeiten: um in der Arbeit „beieinander zuhause zu sein“ und den Kindern, die häufig mit Verlust eines Familienmitglieds in Deutschland angekommen sind, für die Dauer der Musiktherapiesitzung ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, Stütze und Familie zu geben.

Patricia Braak, Musiktherapeutin vom Zentrum Überleben in Berlin rundete den Auftakt der Fachtagung am Freitagabend mit der Präsentation eines spannenden Forschungsprojekts ab: In ihrer Forschungsgruppe untersucht sie gemeinsam mit Prof. Dr. S. Metzner von der Universität Augsburg sowie J. Verhey und J. Hots von der Magdeburger Universität explorativ die Geräuschempfindlichkeit von Menschen mit Kriegstraumata. Ziel ist die Entwicklung effektiver Copingstrategien.

Expert*innen laden zum Mitmachen ein

Am Samstagmorgen stand als erstes die lebendige Präsentation von Assoc. Prof. Bolette Beck und Steen Theis Lund, PhD, Universität Aalborg und Universität Kopenhagen, auf dem Programm. Die beiden stellten ein Forschungsvorhaben vor, bei dem die musiktherapeutische Methode des Guided Imagery and Music (GIM) bei Geflüchteten mit der Diagnose PTBS (Posttraumatisches Belastungssyndrom) angewandt wurde. Die Pilotstudie wurde im Nordic Journal veröffentlicht und ist online verfügbar. 1 Anschaulich nahmen die beiden die Zuhörenden mit und erinnerten immer wieder an die Verankerung im eigenen Körper, um nicht von der Intensität der Einblicke in teils unerträgliche Schicksale überwältigt zu werden.

Nach diesem Start ging es vor und nach der Mittagspause bei den Workshops der Fachtagung weiter. Alexander Riedmüller, Rhythmiker, Musik- und Bewegungspädagoge und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt "International Music Education" des Fachbereichs Elementare Musikpädagogik an der HfMT nahm seine Gruppe mit in die Welt der Vielsprachigkeit und des Lernens über unmittelbare Nachahmung: „Wahid, Zwei, Three, Tshor!“ Nonverbale und musikalisch-rhythmische Spielimpulse, die Vertrauen schaffen, wurden angeboten.

Tina Mallon, Musiktherapeutin MA, Traumapädagogin und Traumafachberaterin arbeitet seit 2013 mit Menschen mit Fluchthintergrund in verschiedenen Kontexten und ist parallel dazu als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf angestellt. Sie fokussierte in ihrem Workshop auf die „sicheren Orte in der Musiktherapie“. Erst wenn es gelingt, im therapeutischen Prozess ein Gefühl des safe place zu schaffen, kann Spielraum für Kreativität, Neugier und Entwicklung entstehen. Insbesondere Kinder, aber nicht nur diese, sind hier sehr empfänglich für die explorativen Möglichkeiten, die in der gemeinsamen Musik entstehen.

Bewährte Methoden an die speziellen Anforderungen Geflüchteter anpassen

Nachmittags bot Petra Schmidt ihren Workshop „Trommelspiele für alle“ an. Schmidt ist Diplom-Rhythmikerin mit Schwerpunkt Schlaginstrumente und für das Hamburger Konservatorium seit vielen Jahren mit Musikprojekten in Erstaufnahmen, Folgeunterkünften und internationalen Vorbereitungsklassen (IVK) tätig. Das von A. Wölfl (Freies Musikzentrum München) entwickelte TrommelPower-Konzept adaptierte sie für die musikalische Arbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen. Ihre Erfahrenheit war für die Teilnehmenden ihres Workshops von hohem Wert. Auch im vierten Workshop (Beck/Lund) entstand wiederum eine intensive Arbeitsatmosphäre. Beck und Lund vertieften hier ihre Präsentation vom Vormittag um eigene Erfahrungen der Teilnehmenden mit der Arbeitsweise des GIM in der speziell für die Arbeit mit Geflüchteten angepassten Weise.

Prof. Karin Holzwarth leitete die Tagung, die das Institut für Musiktherapie in Kooperation mit der Deutschen Stiftung Musiktherapie (DSM) veranstaltete.

Zurück im Mendelssohn-Saal der Hochschule wurde die Fachtagung im Plenum abgerundet – eine Gelegenheit, Eindrücke zu teilen und Feedback zu geben. In den Rückmeldungen wurde durchweg sehr positiv zum Ausdruck gebracht, dass diejenigen, die bereits musikalisch und musiktherapeutisch mit Geflüchteten zu tun haben, sich bereichert fühlten. Andere haben Mut gefasst, die Herausforderungen (z. B. kulturelle und Sprachbarrieren) anzunehmen und möchten viele Ideen der Tagung aufgreifen. 

Die Tagung endete wie sie begonnen hatte: mit Musik. Das Anwar Talji Ensemble mit Vater Anwar und Sohn Omar aus Damaskus, präsentierte syrische Lieder aus der Heimat mit Oud und Gesang. Nach einigen Zugaben ernteten die beiden kräftigen Applaus und so fand die Tagung einen beschwingten Ausklang.

Über die Autorin

Prof. Karin Holzwarth ist Diplom-Musiktherapeutin und Diplom-Musikpädagogin. Sie koordiniert den Fachbereich Musiktherapie und Inklusion der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg und lehrt Musiktherapie an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg.

  • 1 Feasibility of trauma-focused Guided Imagery and Music with adult refugees diagnosed with PTSD: A pilot study. Bolette Daniels Beck, Catharina Messel, Steen Lund Meyer, Torben Oluf Cordtz, Ulf Søgaard, Erik Simonsen & Torben Moe. Nordic Journal of Music Therapy, Volume 27, 2018 - Issue 1. Published online: 10 Mar 2017, https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/08098131.2017.1286368. Letzter Zugriff: 25. September 2019.

Stand des Beitrags: 25. September 2019