Bewegtes Singen

Gemeinsam im Freien singen und musizieren, ohne dass die Sprache ein Hinderungsgrund ist: Das ist die Grundidee des Unterwegs.Chors Hildesheim. Seit 2016 lernen sich hier zugewanderte und einheimische Menschen kennen und singen zusammen Lieder aus den jeweiligen Heimatländern. Als Konzertbühne dient dabei die Hildesheimer Landschaft. Die Natur als offener Raum für neue Begegnungen zwischen Chor und Zuhörern.

„Während wir im Wald gesungen haben, ist eine afghanische Familie an uns vorbei spaziert. Wir haben ihnen gesagt, dass wir auch auf Afghanisch singen und sie zu unserem Chor eingeladen“, erzählt Mehmet Çetik, einer der drei Gründer des Unterwegs.Chors, über eine Begegnung bei einer der ersten Proben. „Die haben ganz große Augen bekommen und konnten das zuerst gar nicht glauben. Wir haben dann gemeinsam afghanische Lieder gesungen. Die Familie war total begeistert und voller Freude.“

Heimatklänge

Gemeinsam mit ihrem Kollegen Mark Roberts vom Theater R.A.M. (Rapid Arts Movement) und Mehmet Çetik hat Manuela Hörr den Unterwegs.Chor im Frühjahr 2016 ins Leben gerufen. Hier treffen sich regelmäßig über 70 zugewanderte und einheimische Hildesheimer, um für die bewegten Chorkonzerte zu proben. Unter den Sängern finden sich Studenten und Flüchtlinge ebenso wie Menschen, die vor vielen Jahren nach Deutschland gezogen sind und in Hildesheim ein Zuhause gefunden haben. Viele von ihnen sprechen andere Sprachen und helfen dabei, die Texte für die Mitwirkenden zu übersetzen.

Video

Was erinnert uns an Heimat? Die Bedeutung von Kindheitserlebnissen, Liedern, Sprache und Essen beschreiben die Sänger des Unterwegs.Chors in diesem Video.

Die Musik dient als Brücke, die sprachliche Gräben überwinden soll. Zu den Proben darf deshalb jedes Chormitglied ein Lied aus seiner Heimat mitbringen. Ob Summen, Lautmalen oder Bodypercussion – wenn die Musik im Vordergrund steht, sind viele Stilmittel willkommen und manchmal sogar erforderlich. Denn bei Sängern aus über 20 Ländern ist es gar nicht so einfach, textlich immer mitzuhalten, wie Leiterin Manuela Hörr weiß: „Jeder schreibt den Text lautmalerisch für sich auf. Anders geht das gar nicht, denn jeder hat eine andere Sprache und teilweise auch ein anderes Schriftsystem.“

Quotenregelung

Probe beim Unterwegs.Chor: Jeder bringt ein Lied aus seiner Heimat mit. So kann jeder von den anderen lernen, und jeder ist auf seine Weise Experte. (Foto: Clemens Heidrich)

Um eine gleichmäßige Verteilung von Einheimischen und Zugewanderten zu ermöglichen, ist die Teilnahme an eine 1:1-Quote geknüpft. Das heißt: Wer in Deutschland geboren ist, darf nur im Chor mitsingen, wenn gleichzeitig ein ausländischer Sänger hinzukommt. „Wir wollten damit verhindern, dass sich unser internationaler Chor fast ausschließlich aus Deutschen zusammensetzt. Das ist eine völlig neue Idee und hat sehr gut funktioniert“, kommentiert Mark Roberts die Regelung. Und tatsächlich hätten viele Teilnehmer dann in ihrem Bekanntenkreis ausländische Mitbürger gefunden, die ebenfalls Lust auf das Projekt hatten. So konnte der Chor nicht nur wachsen, sondern wurde durch die Mundpropaganda gleichzeitig auch bekannter.

Finanzielle Zukunft

Zwar müssen sich Mark Roberts und Manuela Hörr keine Sorgen um mangelnden Zuwachs im Unterwegs.Chor machen, die Finanzierung ist dafür aber ein großes Thema. Denn ohne Fördergelder kann das freischaffende Theaterduo das Projekt nicht am Laufen halten. „Vom Zeitaufwand ist der Chor wie eine neue Theaterproduktion. Das lässt sich für uns nur umsetzen, wenn wir das persönliche und personelle Engagement irgendwie bezahlen können“, sagt Mark Roberts. Anfallende Fahrtkosten, Aufwandsentschädigungen für Praktikant*innen, Löhne für Bühnenbauer – ohne die Zuwendungen des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur sowie von verschiedenen Stiftungen wäre das nicht möglich. Doch ob die Gelder auch für das laufende Jahr zur Verfügung stehen, sei noch fraglich, so Mark Roberts: „Wir haben einen Antrag auf Verlängerung des Projekts gestellt. Sollte der nicht bewilligt werden, können wir höchstens noch sehr selten proben. Und langfristig würde es den Unterwegs.Chor dann irgendwann nicht mehr geben.“

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Medien

Die Initiative

  • Der Unterwegs.Chor ist ein Bürgerprojekt des freien Theaters R.A.M. (Rapid Arts Movement). Derzeit singen über 70 Menschen aus knapp 25 Ländern in dem Chor; die Altersspanne der Sänger*innen liegt zwischen sieben und 77 Jahren. Im Jahr 2017 realisierte der Chor 16 Konzerte und Aufführungen in Hildesheim und dem näheren Umland. Über 1.500 Menschen sahen und hörten bei den fast immer im Freien stattfindenden Konzerten zu.
  • Finanzielle Unterstützung erhält das Projekt durch das MWK Niedersachsen und verschiedene Stiftungen; die Volkshochschule Hildesheim stellt kostenlose Probenräume zur Verfügung.
  • Weitere Informationen zum Projekt gibt es auf der Website des Chors sowie in unserer Datenbank.

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Autor: René Gröger
Stand des Beitrags: 23. Januar 2018