Service für ankommende Musik

In den Jahren 2016 und 2017 wurden im Land Niedersachsen über 100.000 Asylanträge gestellt. Für die zahlreichen Musiker unter den Antragstellern haben das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK) und die Musikland Niedersachsen gGmbH im Sommer 2016 die Initiative „Welcome Board“ gestartet. Das Projekt bietet praktische Unterstützung bei der Suche nach Instrumenten, Proberäumen und Auftrittsmöglichkeiten.

Ein Gespräch mit Maher Farkouh, Projektkoordinator bei „Welcome Board“.

Die Initiative „Welcome Board“ hat sich zum Ziel gesetzt, ein Zentrum für geflüchtete Musiker in Niedersachsen zu sein. Warum braucht es das überhaupt?

Seit 2015 sind zahlreiche Menschen aus Kriegsgebieten nach Deutschland geflohen, von denen das Bundesland Niedersachsen viele aufgenommen hat. Die Geflüchteten sind aber nicht nur mit ihren Koffern hierhergekommen, sondern haben auch ihre Kultur, ihre individuellen Fähigkeiten und Talente mitgebracht. Eine ganze Reihe von ihnen sind zum Beispiel sehr gute Musiker. Bei „Welcome Board“ soll dieses Potenzial genutzt werden, um einen Austausch sowohl unter den Musikern als auch zwischen der deutschen Gesellschaft und Geflüchteten zu erreichen. Die Musik dient dabei als Medium zur Teilhabe und zur Partizipation.

Was bedeutet das konkret für die Gestaltung Ihrer Angebote? Wie versuchen Sie, da einen Dialog herzustellen?

Zunächst haben wir über soziale Einrichtungen und Flüchtlingsunterkünfte nach Musikern gesucht und ihnen von unserem Projekt erzählt. Dann haben wir Einzelgespräche mit ihnen geführt, um zu erfahren, was ihre Perspektiven und Wünsche sind. Einige wollten zum Beispiel gern wieder Auftritte haben, andere wollten lieber im musikpädagogischen Bereich arbeiten. Die musikalischen Fähigkeiten und Interessen weichen mitunter stark voneinander ab, daher müssen wir sie auf jeden Fall individuell betrachten und nach einer passenden Lösung suchen.

Das heißt, Sie mussten gleich zwei Netzwerke aufbauen und miteinander verknüpfen: Einerseits die geflüchteten Musiker, andererseits die hiesigen Musikinstitutionen und Konzertveranstalter. Wie war auf deren Seite die Resonanz?

Wir sehen uns nicht als Vermittlungsagentur. Allerdings macht es sonst niemand, daher gehört es am Ende doch zu unseren Aufgaben. Zu unseren Professionalisierungsmaßnahmen für die Musiker zählt zum Beispiel das Angebot „Cross Culture Kitchen“ in Kooperation mit der Landesmusikakademie in Wolfenbüttel. Bei diesem Angebot haben die Musiker die Möglichkeit, professionelle Aufnahmen im Tonstudio der Landesmusikakademie für ihre traditionelle oder selbst komponierte Musik zu machen und kurze Imagefilme über sich drehen zu lassen. Wir geben dieses Material dann an die entsprechenden Stellen weiter, sei es an Musikhochschulen oder Organisatoren von Festivals und Konzerten.

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Begegnungsräume und eine nachhaltige Öffnung in zwei Richtungen zu schaffen - diesem Ziel folgte das Welcome Board auch mit der Gründung eines Ensembles im November 2016.

Die meisten Musiker spielen für gewöhnlich in Bands oder Ensembles und nicht solo. Dementsprechend wichtig ist es wahrscheinlich auch, Kontakt zu anderen Musikern herzustellen, oder?

Ja, das ist auch ein Ziel von „Welcome Board“. Proberäume zu organisieren und Auftrittsmöglichkeiten zu schaffen, ist die eine Sache. Aber natürlich wollten die meisten auch andere Musiker*innen kennenlernen, schließlich sind fast alle von ihnen allein hier angekommen. Mittlerweile haben sich zwölf Gruppen durch unsere Netzwerkarbeit gegründet. Da wir in den Einzelgesprächen genau nach den Interessen und Wünschen gefragt haben, konnten wir für viele geeignete Kollegen und Kolleginnen finden. Das Spektrum reicht dabei von traditioneller arabischer Musik bis hin zu Pop oder Crossover-Bands.

Spielen dann nur die geflüchteten Musiker*innen untereinander, oder bringen Sie sie auch mit deutschen Interpreten zusammen? Da prallen doch oft zwei Klangwelten aufeinander, etwa mit der klassischen europäischen und der orientalischen Musik.

Wir haben dafür ein eigenes Angebot entwickelt. Es geht darum, Tandem-Gruppen von Musikern aus verschiedenen Musikkulturen aufzubauen. Als Testballon haben wir den Workshop „Auf Instrumentenhöhe“ bei der diesjährigen Jahreskonferenz von Musikland Niedersachsen genutzt, wo sich zwei Tandem-Paare vorgestellt haben: Flöte mit Oud und Oboe mit Geige. Die Musiker haben dann eigenständig ein Programm entwickelt mit Musik aus der Barockzeit, traditioneller Musik aus dem arabischen Raum und etwas Modernem. Wir wollten in den Workshops schauen, wie so ein musikalischer Austausch gut funktionieren kann. Daraus hat sich dann ein langfristiges Tandemprogramm mit Orchestermusikern der Staatsoper Hannover entwickelt, bei dem sich jeweils zwei Musiker regelmäßig miteinander treffen und ihre Ergebnisse im Rahmen eines Gesprächskonzerts vorstellen.

Seit letztem Jahr werden auch Workshops an Schulen angeboten. Dort präsentieren die Musiker*innen die Instrumente und die Musik ihrer Heimat. Wie finanzieren sich all diese verschiedenen Angebote?

Sie sprechen vom Projekt „Welcome Board zu Gast im Kassenzimmer“, das seit dem Schuljahr 2016/2017 läuft. Die Finanzierung für dieses Angebot hat uns bislang das Aktionsprogramm „Hauptsache:Musik“ gesichert. Bis Ende 2018 ist die Finanzierung des gesamten „Welcome Board“-Projekts über das MWK und die Sparkassen-Stiftung abgesichert. Dann müssen wir hoffen, dass eine Verlängerung bewilligt wird. Bei vielen Angeboten, die mit Kooperationspartnern laufen, gibt es aber eigene Förderanträge und eigene Mittel. Wir arbeiten zum Beispiel mit dem Staatstheater Hannover, dem Staatstheater Braunschweig und dem Center for World Music in Hildesheim zusammen. Für solche Dinge gibt es dann extra Fördertöpfe, oder die Anträge werden teilweise auch von den Partnerinstitutionen gestellt und nicht von uns. So etwas kann auch wichtig sein, um die entsprechenden Maßnahmen anbieten zu können. Das ist manchmal schon etwas kompliziert und von Bundesland zu Bundesland anders.

Das Gespräch führte René Gröger.

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Medien und Links

Die Initiative

  • Seit dem Start des „Welcome Board“ haben mehr als 130 Musiker zu dem Netzwerk gefunden; zwei Drittel von ihnen stehen in regelmäßigem Kontakt mit „Welcome Board“. Jede Woche kommen etwa zwei bis drei neue Musiker dazu. Maher Farkouh arbeitet seit August 2017 als Projektkoordinator bei „Welcome Board“. Er stammt aus Syrien, studierte in Damaskus Fagott und kam 2008 für seine Promotion im Fach Musikwissenschaft nach Deutschland.
  • Weitere Informationen zum Projekt finden Sie auf der Homepage der Initiative sowie in unserer Datenbank.

Zur Projektdatenbank.

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Stand des Beitrags: 22. Januar 2018