Zertifikatslehrgang Musikpädagogik

Geflüchteten Musiker*innen und Menschen mit Migrationshintergrund eine professionelle Perspektive als Musikpädagogen zu bieten, ist das erklärte Ziel eines Zertifikatslehrgangs der Landesmusikakademie NRW.  Unterricht gibt es in den Fächern Musiklehre, -pädagogik und Selbstmanagement; die Lehrenden kommen von Musikschulen und Musikhochschulen.

Seit September 2018 nehmen 20 Musiker und Musikerinnen an einem Zertifikatslehrgang in Köln teil, um sich mit musikpädagogischen Zusatzqualifikationen eine neue Berufsperspektive zu schaffen. „Die Fördermaßnahme richtet sich an herausragende Musiker aus anderen Kulturen ohne formale Abschlüsse“, erklärt Antje Valentin, Direktorin der Landesmusikakademie NRW, bei der die Trägerschaft für das Projekt liegt. „Es ist ein Lehrgang für Menschen, die aus anderen Kulturen stammen, teilweise aber schon lange in Deutschland wohnen oder sogar hier geboren wurden.“ Die Teilnehmergruppe setzt sich daher sowohl aus geflüchteten Musikern zusammen als auch aus Musikern mit Migrationshintergrund, die auf einem traditionellen Instrument ihres Heimatlandes spielen. In dem Lehrgang sollen sie nun das musikpädagogische System in Deutschland kennenlernen, um zum Beispiel professionellen Unterricht an Musikschulen anbieten zu können.

Große Nachfrage vor dem Start

Der Bewerbungsprozess, um für die Maßnahme zugelassen zu werden, war aufwendig: Alle Bewerber mussten einen Film einschicken, in dem sie solistisch musizieren. Außerdem musste jeder eine schriftliche Biografie sowie ein Motivationsschreiben abgeben. Alle Unterlagen mussten auf Deutsch formuliert sein, um eine möglichst reibungslose Verständigung zwischen Teilnehmern und Dozenten im Unterricht zu garantieren. Trotz dieser Auflagen bewarben sich weit mehr Interessierte, als Plätze zur Verfügung standen, sagt Antje Valentin. „Es gab über 40 Bewerber, sodass wir im Grunde gleich zwei Lehrgänge hätten starten können. Wir haben dann nach den musikalischen Fähigkeiten selektiert und die Gruppe zusammengestellt.“ Die Teilnehmer*innen sind größtenteils geprägt durch die Musik des türkisch-arabischen Raums und spielen vorwiegend auf Instrumenten, auf denen sie in Deutschland weder einen pädagogischen noch einen instrumental-fachlichen Abschluss machen können. „Darum ist der Förderlehrgang besonders hilfreich, denn es sind nicht einzelne Fortbildungen, sondern ein großer, bogenspannender Lehrgang, bei dem eine Unterrichtseinheit auf der vorigen aufbaut.“ Aus diesem Grund verpflichten sich die Musiker zur Teilnahme am gesamten Lehrgang und zahlen dafür eine Kaution von 150 Euro, die sie bei erfolgreichem Abschluss erstattet bekommen.

Pädagogisches Handeln reflektieren

Schulung in pädagogischen, theoretischen und berufspraktischen Fragen: Knapp 150 Unterrichtsstunden absolvieren die Teilnehmer am Zertifikatskurs. (Foto: Antje Valentin)

Ein Dreivierteljahr lang werden die Musiker*innen in den Fächern Musiktheorie, -pädagogik und Selbstmanagement geschult. Der Unterricht findet alle zwei Wochen an der Musikhochschule Köln statt und wird teils von Antje Valentin und ihrem Team durchgeführt, teils von Dozent*innen und Lehrenden der Hochschule. Außerdem gibt es zwei Intensivwochenenden, an denen besonders vertieft gearbeitet wird und die Teilnehmenden sich gegenseitig unterrichten und dabei aktiv beobachten. Hierbei lernen sie auch die jeweils anderen Instrumente und deren Spezifika kennen. Insgesamt werden die Teilnehmer bis zum Ende des Lehrgangs knapp 150 Stunden auf ihrem Lehrgangskonto verbuchen können. Bei der Durchführung ist Antje Valentin aber vor allem wichtig, sich am Kenntnisstand der Teilnehmer zu orientieren und individuell auf sie einzugehen. „Der Unterricht ergibt sich stark aus der eigenen Biografie der Musiker. Zentrale Fragen sind: Wie habe ich selbst gelernt? Was macht guten Unterricht aus? Was sagt die aktuelle Fachliteratur dazu? Und schließlich: Wie kann ich aus all dem eigene Kriterien entwickeln?“ Das Reflektieren über pädagogisches Handeln steht für sie dabei im Vordergrund und ist zentraler Bestandteil des Unterrichts.

Um dies bestmöglich zu vermitteln, wird in Kleingruppen aus jeweils vier bis fünf Teilnehmern gearbeitet. „Das ist wichtig, damit wir auf die Bedürfnisse der einzelnen Musiker eingehen können. Denn die Wissensstände zu den verschiedenen Themen weichen teilweise stark voneinander ab. Es ist eine sehr heterogene Gruppe.“, berichtet Antje Valentin von ihren Erfahrungen aus dem Lehrgang. Gleiches gilt für die Sprachkenntnisse zwischen kürzlich Geflüchteten und denjenigen, die schon lange hier leben. „Wir helfen den Teilnehmern die Hindernisse, die auf dem Weg liegen, aus dem Weg zu räumen“, so Valentin. Bei dem einen hakt es sprachlich, bei dem anderen beim Noten lesen oder bei der pädagogischen Reflexion.“

Lernen in der Praxis

Was viele der teilnehmenden Musiker und Musikerinnen besonders brennend interessiert, sind auch ganz praktische Fragen zum Berufseinstieg als Pädagogen. Ein großes Anliegen ist es zu erfahren, wie man es schafft, als Musiklehrkraft den Kontakt zu potenziellen Arbeitgebern aufzubauen und einen „Fuß in die Tür“ wichtiger Institutionen zu bekommen, um an regelmäßige Aufträge zu gelangen und dadurch einen festen Lebensunterhalt zu sichern.

Aus diesem Grund absolvieren die angehenden Musikpädagog*innen seit Januar 2019 ein von Mentoren begleitetes Praktikum an einer Musikschule. Die Kontakte vermittelt Antje Valentin. Sie nutzt dafür das große Netzwerk, das die Landesmusikakademie und der Mitveranstalter des Lehrgangs, der Landesverband der Musikschulen in NRW, über die Jahre aufgebaut hat, um wohnortnahe Praktikumsplätze zu finden: „Die hiesigen Musikschulen haben großes Interesse daran, Musiker anderer Kulturen als Kollegen einzubinden. Das gilt in besonderem Maße in Ballungszentren.“ Neben der Hospitanz können die Teilnehmer auch eigene Unterrichtsversuche in der Praxis durchführen, die von Mentoren begleitet werden. Der Horizont der Teilnehmenden wird auch in Richtung musikalischer Grundbildung für Kindergruppen in der Früherziehung, der Kita und der Grundschule erweitert. Die Mentoren werden durch die Landesmusikakademie honoriert, geben den Lehrgangsteilnehmern im Anschluss an die Unterrichtseinheiten ein ausführliches Feedback und helfen ihnen bei der Vor- und Nachbereitung.

Gezielt in den Beruf

Der direkte Kontakt zu den Musikschulen, der so entsteht, kann sich nach Abschluss des Lehrgangs als sehr nützlich erweisen, sagt Antje Valentin: „Im Idealfall finden unsere Absolventen eine Beschäftigung an Musikschulen mit ihrem jeweiligen Instrument. Wir klären sie deshalb auch darüber auf, wo genau die Unterschiede zwischen einer Lehrtätigkeit und einer Festanstellung liegen und welche Rechte oder Pflichten damit zusammenhängen.“ Auch das hilft den Musiker*innen bei der Orientierung im pädagogischen Berufsfeld. Gleichzeitig lernen sie die verschiedenen Wege und Möglichkeiten kennen, die es in dem Bereich gibt. „Zunächst geht es für die Teilnehmer aber darum, herauszufinden, wo die individuellen Stärken und Schwächen liegen, um an sich und seinen Fähigkeiten gezielt weiterarbeiten zu können und sein Portfolio entsprechend weiterzuentwickeln.“

Da die Nachfrage bei Musikern und Musikerinnen im Vorfeld der Fördermaßnahme so groß war, steht bereits die erneute Finanzierung für den nächsten Lehrgang durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW. Nach Abschluss des ersten Jahrgangs im Juli 2019 geht es im September gleich weiter, bis Juli 2020. Das Auswahlverfahren wird dafür in derselben Form beibehalten. Am Konzept des Lehrgangs wird man nach Abschluss aber hier und da Veränderungen vornehmen. Dafür ist auch das Feedback der Teilnehmer*innen wichtig, die dann schon stolz ihr Zertifikat in den Händen halten dürfen.

Autor: René Gröger
Stand des Beitrags: 8. Januar 2019