Dialog abseits der Sprache

Integration durch Kultur: Cornelia Lanz und ihr Stuttgarter Verein „Zuflucht Kultur“ setzen sich seit 2014 auf der Opernbühne mit Themen wie Krieg, Flucht und Neubeginn auseinander. Menschen, die davon betroffen sind, erhalten hier einen Zufluchtsort und eine Plattform für ihre Kreativität.

Krieg. Flucht. Neubeginn: Es sind dramatische Themen, die Cornelia Lanz und ihr Stuttgarter Verein „Zuflucht Kultur“ seit 2014 auf die Opernbühne bringen. Das Angebot richtet sich direkt an Menschen, die politisch, physisch oder psychisch verfolgt werden oder deren Lebensgrundlage durch Krieg und Verfolgung bedroht ist. Die Mezzosopranistin möchte mit musikalischen Mitteln eine Brücke zwischen den Kulturen schlagen und Geflüchteten eine Plattform für ihre Kreativität geben. Professionelle Orchestermusiker, Tänzer und Schauspieler arbeiten dafür mit Laien zusammen, ehrenamtliche Helfer aus Deutschland mit Geflüchteten aus dem Irak, Afghanistan oder Syrien. Zentral ist bei dieser Arbeit die Flucht aus der Heimat, die aus unterschiedlichen Perspektiven beschrieben wird.

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„Gesang ist der ureigene Ausdruck der Seele“: Cornelia Lanz und ihre Initiative, Opern mit Flüchtlingen auf die Bühne zu bringen.

„Die Oper ist ein tolles Medium, um einen Dialog mit den Künstlern herzustellen, abseits der Sprache“, sagt Cornelia Lanz über ihr Projekt. „So erreichen wir ein Publikum, das tendenziell eher konservativ ist. Sie bekommen vielleicht nochmal einen anderen Blick auf die Flüchtlingsdebatte. Gleichzeitig bekommen die Geflüchteten Zugang zu einem Bereich der Hochkultur, der vielen oft verwehrt bleibt.“ Die Oper sei für Integrationsprojekte besonders gut geeignet, weil viele Akteure aus verschiedenen Gewerken zusammenkämen. Mittlerweile findet der Austausch nicht mehr nur auf der Bühne statt. Durch die mehrjährige Arbeit an verschiedenen Opern sind aus Arbeitskollegen Freunde geworden und feste Tandem-Teams entstanden, die einander in ihrer Freizeit die Kultur des jeweils anderen näher bringen.

„Die Realität hat uns plötzlich eingeholt“

Generalprobe zu „Zaide“ (Foto:  Lioba Schöneck/Zuflucht Kultur e. V.)

Doch der Dialog läuft nicht immer reibungslos: Kurz vor der Aufführung von Wolfgang Amadeus Mozarts Opernfragment „Zaide“ zum Jahresbeginn 2017 bekommt einer der afghanischen Darsteller einen Abschiebebescheid. Die Produktion droht zu platzen: „Wir wussten zunächst gar nicht, wie wir darauf reagieren sollen. Die Realität hat uns plötzlich eingeholt“, erinnert sich Cornelia Lanz. Zum Glück ist der Verein gut vernetzt, sodass der ehemalige bayerische Wissenschaftsminister Thomas Goppel ein gutes Wort für den afghanischen Musiker bei den Behörden einlegen kann. Die Aufführung findet statt; die ursprüngliche Geschichte um die fiktive Abschiebung aller Darsteller und Musiker wird aber den aktuellen Ereignissen angepasst.

Für Initiatorin Cornelia Lanz sind solche Ereignisse Nervenprobe und Antrieb zugleich: „Wenn Kollegen von mir eine Abschiebung droht, lässt mich das immer wieder verzweifeln. Es sind viele Leute dabei, die sehr gut integriert sind und unsere Sprache beherrschen. Ich schwanke dann immer zwischen Kampfgeist und Ohnmachtsgefühl.“ Spätestens bei den Proben mit den geflüchteten Darstellern wird ihr aber wieder klar, wie wichtig diese Arbeit ist. Unterstützt wird sie unter anderem vom „Ensemble Zuflucht“, einem ehrenamtlichen Orchester aus Musikern der Staatsoper Stuttgart, der Münchner Philharmoniker und Symphoniker, des Bayerischen Staatsorchesters, der Augsburger Philharmoniker und des Staatstheaters am Gärtnerplatz. Besonders der Dialog zwischen Helfern und Geflüchteten ist für die Sängerin sehr fruchtbar, denn immer wieder entstünden Diskussionen, die neue Blickwinkel eröffnen: „Ich finde es äußerst spannend, wie viel man bei der Arbeit über die anderen Länder lernt. Gleichzeitig bekommt man auch eine ganz neue Sicht auf das eigene Land.“

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Die Initiative

  • Der Stuttgarter Verein „Zuflucht Kultur“ wurde im Mai 2014 von der Opernsängerin Cornelia Lanz mit dem Ziel interkulturellen Austauschs und der Völkerverständigung gegründet.
  • Das erste Opernprojekt „Cosi fan tutte“ (Premiere im Oktober 2014) wurde von der Baden-Württemberg Stiftung gefördert; seitdem unterstützen verschiedene Institutionen die Opernproduktionen, darunter die Konrad-Adenauer-Stiftung und die Rosa-Luxemburg-Stiftung.
  • Im September 2017 feierte die Initiative mit George Bizets „Carmen“ eine weitere große Premiere. Derzeit arbeiten die Musiker an einer musikalisch-literarischen Revue nach Hans Magnus Enzensbergers „Der Untergang der Titanic“.
  • Weitere Informationen zum Projekt finden Sie auf der Website des Vereins sowie in unserer Datenbank.

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Autor: René Gröger
Stand des Beitrags: 13. November 2017